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04. März 2009

Wie Bilder zu Waffen werden

ARD, 23.15 Uhr: "Das Kind, der Tod und die Wahrheit" – Eine Dokumentation von Esther Schapira

  1. Das Kind, der Tod und die Wahrheit. Tansparent Foto: HR

Das habe ich mit eigenen Augen gesehen, sagen wir, wenn wir den Wahrheitsgehalt einer Geschichte betonen wollen. Vor unsere eigenen Augen kommt heute allerdings vieles, das nur andere gesehen haben. Wir aber verfallen der Illusion, Augenzeugen zu sein. So sah die Welt zu, wie am 30. September 2000 Gewehrsalven über eine Kreuzung in Gaza peitschten. Hinter einem Fass suchten Dschamal Al-Durah und sein Sohn Schutz. Plötzlich lag der Junge im Schoß des Vaters. Er sei tot, erklärte der Kommentator. Fernsehzuschauer in der ganzen Welt glaubten, dabei gewesen zu sein, wie ein Kind ermordet wurde.

Was ist wirklich geschehen? In der Dokumentation "Das Kind, der Tod und die Wahrheit. Das Rätsel um den Palästinenserjungen Mohammed Al-Durah" suchen Esther Schapira und Georg M. Hafner Antwort auf diese Frage. Vor sieben Jahren hatte die Journalistin in ihrem preisgekrönten Film "Drei Kugeln und ein totes Kind" nachgewiesen, dass es keine Israelis gewesen sein konnten, die Mohammed erschossen hatten. Damals durfte sie das Rohmaterial, das Kameramann Talal Abu Rahma für das öffentlich-rechtliche Fernsehen "France 2" in Gaza gedreht hatte, nicht einsehen. Nur 52 Sekunden Film waren gesendet worden und Korrespondent Charles Enderlin, der nicht vor Ort gewesen war, hatte die entscheidende Szene mit den Worten interpretiert: "Mohammed ist tot, sein Vater schwer verletzt". Trotz aufkommender Zweifel verweigerte "France 2" jede Einsicht. In einem Rechtsstreit, den er mit dem Journalisten Philippe Karsenty führte, wurde der Sender im November 2007 gezwungen, das Rohmaterial vorzuführen. Darin ist zu sehen, wie Mohammed nach dem Bild, das ihn angeblich tot zeigt, den Ellbogen hebt und in Richtung Kamera sieht.

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Eigentlich habe sie sich mit dem Thema nicht mehr befassen wollen, weil sie kein Faible für Verschwörungstheorien habe, sagt Esther Schapira. Als es jedoch Hinweise darauf gab, dass die ganze Szene gestellt sein könnte, nahm sie mit Georg M. Hafner die Arbeit an diesem Thema wieder auf. Der Tod des Jungen war Rechtfertigung für einen Welle der Gewalt. In der arabischen Welt kennt jeder Mohammed Al-Durah, den Märtyrer. Kinder werden aufgefordert seinen Tod zu rächen. In dem Video von der Ermordung des Journalisten Daniel Pearl wird das "Todesurteil" als Rache für die "Ermordung" des Jungen bezeichnet. Die 52 Sekunden Film sind zu einer Waffe geworden – mit schrecklichen Auswirkungen. "Spektakuläre Bilder sind gefragt, so kommt es häufig zu Szenen, die die Soldaten for camera only nennen", berichtet Esther Schapira. Sind Kameras da, markieren gesunde Demonstranten plötzlich Schwerverwundete. Dramatische Szenen werden für die Kameras regelrecht gespielt, so dass man in Bezug auf den Nahen Osten bereits von "Pallywood"-Inszenierungen spricht.

"Die wichtigste Waffe im modernen Krieg sind vielleicht nicht Bomben sondern Bilder", stellt die Journalistin fest. Verantwortlich für die Wirkung dieser medialen Waffen ist auch unser ständiger Hunger nach Bildern. Um ihn stillen zu können, bleibt im Wettlauf um die ersten, spektakulärsten Bilder manchmal die gründliche Überprüfung des Materials auf der Strecke. Das kann verheerende Folgen haben wie der Film dokumentiert. Das funktioniert aber nur, weil wir eine Schwäche haben, die der Kabarettist Dieter Hildebrandt so beschrieben hat: "Wir glauben nur, was wir sehen. Und darum glauben wir alles, seit es das Fernsehen gibt."

Autor: Monika Herrmann-Schiel