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21. Juni 2014

Wie das einfache Leben

Matthias Koslik in der Freiburger Katholischen Akademie.

Wenn jemand wie Matthias Koslik als Werbefotograf mit derart vielen Preisen und "Advertising Awards" beehrt wurde, dann kann man davon ausgehen, dass er in seinen fotografischen Arbeiten um die Signalwirkung auch des letzten Details weiß. Auch da wo es um Kunst und nicht um Werbefotografie geht wie jetzt in der Ausstellung "Das einfache Leben". So ist der direkte Blick der Porträtierten raus aus dem Bild auf den Betrachter zwar das Erste, was einen unmittelbar gefangen nimmt und innehalten lässt. Aber auch das Drumherum der Inszenierung ist minutiös geplant: In seiner Werkstatt posiert Herr Hase mit fast trotzigem Selbstbewusstsein im Blick vor einer Unmenge gereihter Schraubschlüssel und aufgepinnter Pin-ups. Der Philosoph lugt zu uns über den Brillenrand rüber aus seiner überquellenden Bücherstube. Die Brustbilder der ungarischen Waldarbeiter mit ihren kräftigen, markigen, kantigen Gesichtern sind auch als Hutabfolge zu lesen, vom Tirolerhut bis zur einfachen Kappe.

Der 1961 in Freiburg geborene, heute mit seinem Studio in Berlin erfolgreiche Fotodramaturg nimmt mit der frontalen Haltung seiner Protagonisten die Tradition von August Sander bis Thomas Ruff auf. Gleichzeitig unterläuft er eine sterile Präsentation, indem er bewusst Unregelmäßigkeiten einbaut. Die großformatigen Ditone Prints sind entweder perfekt auf Alu-Dibond aufgezogen oder stecken mit welligem Rand in Rahmen oder sind als sichtbar zusammengesetzte Papiere zu riesigen Plakaten aufgebläht, deren Ränder nachlässig über den Holzuntergrund lappen.

Werbung


Das inventargenaue Plakat des Werkraums des Tierpräparators spielt mit dem Format der Werbung und in seiner Detailfülle animiert bis ekelt es: Der blutige Tierkadaver zu Füßen von Michael Weiss lässt an Fotos mit erlegter Beute eines Großwildjägers denken (350 x 240 Zentimeter, 2013). Der Stierkopf überm Kamin mit dem schlafenden Angler Rolf Henke ist zentralgenau ins Bild gepasst; so auch das alte Ehepaar (alles 2011). Hinter Paul und Inge Lange ist die weiße Hintergrundpappe als Folie für die hüfthoch Porträtierten mit Kreppband betont improvisiert befestigt, als Beweis für die Spontanität des Augenblicks der durchdachten Komposition. Die Überwältigungsstrategie der Größe und Detailfülle eines Wimmelbilds wie "Hongkong" (1998) ist hier zurückgenommen zur statuarischen Präsenz der Individuen. So etwas wie das "einfache Leben", was immer man darunter versteht, kommt hier in der Tat zur Anschauung. Auch in den monumentalen Antlitzen der Waldarbeiter. "Dem, was wirklich wichtig ist" versucht Koslik mit hochkomplexen Motivanordnungen beizukommen. Er spielt formal virtuos auf allen Ebenen und überlässt uns die Dargestellten zur Kommunikation. Zum Beispiel Herrn Hase, der in der Mark Brandenburg in seiner engen Traktorgarage auf seinem Traktormobil thront, ein Genrebild mit Hühnern und Bierflasche.
– Katholische Akademie, Wintererstr. 1, Freiburg. Bis 25. Juli, Montag bis Freitag 8.30–18.15 Uhr.

Autor: Eva Schumann-Bacia