Theater in Lörrach

Wie junge Schauspieler mit einem Projekt von Tempus fugit ihre Eltern besser verstehen

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Do, 13. Dezember 2018 um 18:00 Uhr

Lörrach

In dem Projekt "Da merkten sie, dass sie nackt waren" begegnen die jungen Schauspieler von Tempus fugit jenen, die 1968 erlebt haben. Das fördert das Verständnis untereinander.

Vom "Work in progress" sprechen Benjamin Böcker und Initiator Axel Rulf bei der neuen Produktion des Theaters Tempus fugit. "Da merkten sie, dass sie nackt waren" heißt der Beitrag von Tempus fugit zu 1968, mit dessen 50-Jahr-Jubiläum sich nicht nur das aktuelle Stadtbuch beschäftigt. Ziel sei nicht, lediglich ein Stück auf die Bühne zu bringen. Die Aufführung am Samstag ist der Höhepunkt einer langen Beschäftigung mit dem Thema. Vielleicht wachse mehr daraus, sagt Benjamin Böcker als einer der beiden Regieführenden.

Sexuelle Revolution im Mittelpunkt

Natürlich geht es um Revolte, selbstverständlich um Politik, schließlich kommt man beim Schlagwort 1968 nicht umhin, die politischen Umwälzungen zu thematisieren. Doch Tempus fugit stellt die sexuelle Revolution jener Jahre in den Mittelpunkt. Das Private ist politisch, sagt Benjamin Böcker zum ausgewählten Schwerpunkt.

Manfred Walter aus Schopfheim macht genau deshalb bei diesem Mehrgenerationenprojekt mit. Er will einen Gegenentwurf setzen zu all den gesellschaftlichen Veränderungen, die er an dem Jahr 2015 festmacht. "Ich wollte raus aus dieser Blase aus Rassismus und Menschenfeindlichkeit, die die Gesellschaft, ja selbst die Familien spaltet", beschreibt er sein Motiv, bei diesem Theaterprojekt dabei zu sein.

Junge Spieler begegnen jenen, die 1968 selbst erlebten

Er ist selbst Teil der 68er-Generation. Sex sei für ihn nur zwischen Männern und Frauen "richtig" gewesen. Homosexualität habe er damals abgelehnt. Doch was er im Kopf inzwischen längst akzeptiert habe, sei nun hier auch in seiner Gefühlswelt angekommen. Dieses Theaterprojekt sei eine Art Therapie gewesen, sagt er über die Entwicklung, die er während der Proben bei sich selbst festgestellt habe. Was bei den einen die Begegnung mit der eigenen Vergangenheit ist, ist bei den jungen Schauspielern die Vergangenheit ihrer Eltern. Die jungen Schauspieler gaben zu, es sei leichter, mit den völlig Fremden im Projektensemble zu reden als mit den eigenen Eltern. Denn dem Stück liegt kein fertiger Text zugrunde, der Text wurde erarbeitet – unter anderem durch Gespräche zwischen den Menschen jenseits der 50 und dem Team.

Volkshochschulleiter Axel Rulf spielt zwar nicht mit, doch auch er erzählte, was ihm damals wichtig war und welche Erfahrungen er machte. Anthea ist seine Dialogpartnerin in diesen Gesprächen. Im Stück spielt sie den Psychoanalytiker und Soziologen Wilhelm Reich, dessen Buch "Die sexuelle Revolution" der sexuellen Befreiung ihren Titel gab. 18 Jahre alt ist Anthea, von Wilhelm Reich hatte sie bis dahin nichts gehört. "Ja", sagt sie, "über einiges, was ich hier erfahren habe, über was wir gesprochen haben, sollte ich mit meinen Eltern sprechen. Der Gedanke ist mir gekommen."

Den Eltern näher gerückt

Man ist den Eltern näher gerückt in dieser Produktion, das Verständnis für sie sei gewachsen, so die Meinung unter den jungen Schauspielern. Trotz der allgegenwärtigen Präsenz sei die Sexualität noch immer ein Tabuthema, so Manfred Walter, der den Austausch mit den jungen Menschen persönlich als sehr wohltuend empfand. Auf Augenhöhe habe man immer miteinander gesprochen, so das Empfinden der jungen Schauspieler, die weder bei sich noch bei den Gesprächspartnern eine Scheu feststellten.

"Letztlich sind es noch immer die tradierten Geschlechterrollen, Frau oder Mann, die uns festlegen wollen", sagt Benjamin Böcker und formuliert damit eine Art generationenübergreifende Bilanz der Arbeit an diesem Stück.
Termine

Premiere am Samstag, 15. Dezember, 20 Uhr, Theaterhaus im Adlergässchen; weitere Aufführungen gibt es am 23. und am 24. Januar im Bürgersaal in Rheinfelden.