Ausstellung

Wie Künstler auf das Thema Ökologie reagieren

Michael Baas

Von Michael Baas

So, 02. September 2018 um 20:12 Uhr

Ausstellungen

Das Haus für elektronische Künste in Basel zeigt in der Ausstellung "Eco-Visionaries" wie neue Medien eingesetzt werden, um auf ökologische Probleme aufmerksam zu machen.

Das Verhältnis von Mensch und Natur rückt dieser Tage immer wieder in den Blickpunkt. Der trockene Sommer hierzulande ist nur ein Beispiel für die Folgen des Raubbaus an den natürlichen Ressourcen, der mit der Moderne eingesetzt hat und bislang jeden technischen Fortschritt nutzt. Mittlerweile sind Nachhaltigkeit, Klima- wie Umweltschutz zwar in aller Munde. Gleichwohl dreht sich die Entwicklung so umgebremst weiter wie die Erde um die Sonne. Hier setzen "Eco-Visionaries" im Haus der elektronischen Künste (HeK) in Basel an. Die von Sabine Himmelsbach, Karin Ohlenschläger und Yvonne Volkert kuratierte Ausstellung untersucht neue Medien und Technologien auf ihre Bedeutung für die Wahrnehmung des Makrothemas Ökologie und spielt darüber mit neuen Formen einer Interaktion zwischen Mensch und Natur.

Die Lage hat sich zugespitzt – passiert ist wenig

Die Ausstellung knüpft an an das schon 2007 von Himmelsbach und Volkart erarbeitete Projekt "Ökomedien/Eco-Media". Da sich die Lage inzwischen zugespitzt habe, "politisch gleichwohl wenig passiert, lag es nahe, das Thema fortzuschreiben", schildert HeK-Direktorin Sabine Himmelsbach. Gleich die erste Station des Rundgangs stupft denn auch auf einen drängenden, aber weithin ignorierten Aspekt. "Defoooooorest" und "CO2ggle", Netzprojekte der spanischen Künstlerin Joana Moll, dokumentieren die erschreckend hohen Kohlendioxidmengen, die die globale Nutzung der Suchmaschine Google durch unzählige Server erzeugt sowie die Anzahl der Bäume, die es braucht, dieses C02-zu kompensieren. Eine vergleichsweise kleine Arbeit, die eine unterbelichtete aber folgenschwere Seite des täglichen Googelns signifikant ins Bewusstsein rückt.

Andere Stationen des 17-teiligen Parcours fokussieren noch offensichtlicher auf düstere Facetten der Entwicklung. "Rare Earthenware", eine Videoinstallation des britischen Kollektivs Unknown Fields Division, etwa erzählt vom Lithium-Abbau in den bolivianischen Anden. Faszinierend schöne Bilder vergegenwärtigen, wie die Gewinnung des für Smartphone-Akkus und E-Mobilität begehrten Metalls Hochplateaus verändert. Wie Natur zur synthetischen "Industriekultur-Landschaft" wird, sich Trocknungsbecken aneinanderreihen und sich Farben mit den Verdampfungsprozessen, in denen das Metall gewonnen wird, verändern. So "schmücken" Giftgrün oder Azurblau die Landschaft – optisch spektakuläre, aber die Natur schleichend vergiftende menschliche Eingriffe.

Mit plastikschwerem Bauch verhungern die Vögel

Ein ähnliches Muster nutzt Chris Jordans Videoinstallation "Albatross". Der kanadische Filmemacher und Fotograf beobachtet die Zugvögel seit Jahren auf den Midway Islands, einer abgelegenen Inselgruppe im Pazifik. Seine Bilder oszillieren zwischen Faszination für die Anmut dieser Vögel und einem Entsetzen über deren elendes Sterben an dem Plastikmüll, der in Massen im Pazifik treibt. Die Vögel halten ihn für Nahrung und verfüttern ihn an ihre Jungen. Angesichts plastikschwerer Bäuche aber können diese nicht mehr nicht fliegen und verhungern – schwere Kost in hochästhetisierten Bilden.

Einen melancholischen Blick auf den Planeten wirft auch das französische Duo Heiko Hansen und Helene Evans (HeHe) in "La Planete Laboratoire/Sick Planet". Die im Stil einer Schneekugel aufgebaute Installation zeigt die Erde, die immer wieder hinter einer Wolke aufgewirbelter Kleinstpartikel verschwindet, während parallel auf einer Theremin, einem schwer zu spielenden elektronischen Instrument, Tschaikowskys "Schwanensee" ertönt. Ein wehmütiger, aber keineswegs moralisierender Abgesang auf den blauen Planeten – ein meditativer Appell innezuhalten.

Wenn Pflanzen die Verhältnisse zum Tanzen brächten

Indes pflegen die "Eco-Visionaries" keineswegs pessimistische Untergangsszenarien. Im Gegenteil. Einige Arbeiten interpretieren das Thema sehr fortschrittsaffin. Die in Basel lebende Französin Aline Veillait etwa verbindet in der interaktiven Medieninstallation "Pas de deux en vert et contre" Pflanzen so mit Robotersystemen, dass sich Erstere im Stil von Humanoiden aus Science-Fiction-Filmen bewegen können. Ein augenzwinkerndes Projekt, das fragt, wie es wäre, wenn Pflanzen die Verhältnisse zum Tanzen brächten. Auch Maria Castellanos und Alberto Valverde skizzieren in "Symbiotc Interaction" ein neues postindustrielles Verhältnis von Mensch und Pflanze. Die Spanier integrieren in der Installation Pflanzen in Kleidung und schafft mittels Sensoren Kommunikationsebenen, auf denen die Pflanzen ihre Träger über Umweltbedingungen informieren oder als mobile CO2-Absorber dienen.

Andere Arbeiten setzen auf akustische Techniken, um die Entfremdung zwischen Mensch und Natur aufzuheben. Die Schweizer Künstlerin Ursula Biemann nutzt ein Hydrophon, eine im Zweiten Weltkrieg verwendete Technik um U-Boote aufzuspüren, um in der Videoinstallation "Acoustic Ocean" den Klang der übersäuerten Meere einzufangen. Auch Vanessa Lorenzos "Moosphone" bringt eine stumme Umgebung zum Reden. Die Schweizerin hat ein interaktives Interface aus Moos geschaffen, das bei Berührung unterschiedliche Töne erzeugt. Das soll auf die Rolle des Mooses als biologischer Speicher und Indikator anspielen.

Einen Hauch von Endzeitfeeling

Pflanzen sprechen lässt auch Marcus Maeder. Der Soundkünstler aus dem Wallis will mit seinen Klanginstallationen für ökologische Zusammenhänge sensibilisieren. In dem "Treelab" hat er wissenschaftlich ermittelte Reaktionen einer Walliser Fichte auf den Trockenstress im Hitzesommer 2015 komprimiert auf einen Tagesverlauf in eine Klangcollage übersetzt. Wer das im Tagesverlauf zunehmend dichter werdende, gleichsam klagende Klacken des Baumes hört, fühlt unwillkürlich mit der Kreatur mit und bekommt einen Hauch von Endzeitfeeling. Zwar sind alle Techniken, mit denen die Künstler arbeiten, in dem gleichen Prozess entstanden, der das Ökosystem an die Grenzen bringt. Doch der künstlerische Einsatz offenbart tatsächlich auch ein Potenzial, genau darüber neu nachzudenken und lässt einen immer wieder Staunen.

Haus für elektronische Künste: Mi. bis So., 12 bis 18 Uhr, bis 11. November, Freilager-Platz 9 Basel/Münchenstein.