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12. Juni 2010
Wie viel Information darf’s denn sein?
Noch liefert der angeschlagene Sender N24 der ProSieben/Sat1-Gruppe Nachrichten zu.
Die Uhr tickt für den Berliner Nachrichtensender N24. Zeitnah vor der Hauptversammlung des Münchner Mutterkonzerns ProSieben/Sat 1 Ende Juni soll klar sein, ob oder an wen die ungeliebte Tochter verkauft wird und wie viele Stellen ihrer Sanierung zum Opfer fallen, heißt es im Umfeld von Konzernchef Thomas Ebeling. Der Belegschaft schwant nichts Gutes. "Die Hälfte der Mannschaft wird entlassen", fürchtet Betriebsratschef Erdmann Hummel. Noch stärker einschlagen könne es in der Parlamentsredaktion, wo wohl sogar drei von vier Stellen zur Disposition stünden. Vom Anspruch, seriöse TV-Nachrichten zu machen, könne man sich dann verabschieden, was den Fall zum Politikum macht.
Denn seit das Management und die hinter Europas größter privaten TV-Gruppe stehenden Finanzinvestoren N24 aus Kostengründen auf den Prüfstand gestellt haben, wird unter Medienverantwortlichen und Politikern heiß diskutiert, inwiefern sich ein Privatsender hier zu Lande von Nachrichtenprogrammen verabschieden darf. Es geht nicht allein um N24, denn die Berliner liefern der gesamten TV-Gruppe mit Sat 1, ProSieben und Kabel 1 Nachrichtenprogramme zu. Bislang galt Ebelings Wort, dass das Trio unabhängig vom N24-Schicksal weiter qualifizierte TV-Nachrichten sendet. Das Personal hält diese Zusagen mittlerweile für "Makulatur und hinfällig". So steht es in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in dem die 305 Beschäftigten sie bitten, "einen unmittelbar bevorstehenden Kahlschlag im Informationsbereich" der TV-Gruppe zu verhindern. Offiziell nimmt das Management zu den Vorwürfen keine Stellung. Hinter vorgehaltener Hand qualifizieren Insider das Kahlschlag-Szenario als "Unsinn" ab.
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Wie aber andererseits die 40 Millionen Euro Verlust vermieden werden sollen, die das Nachrichtengeschäft dem Vernehmen nach jährlich verursacht, ohne die Axt anzulegen, will auch niemand sagen. Kommt ProSieben/Sat 1 mit dem befürchteten Radikalkurs durch, findet das Nachahmer, fürchtet Hummel. Schon jetzt produziere RTL doppelt so viele Nachrichten wie das eigene Haus. Beschneiden die Münchner ihr Angebot ohne politischen Widerspruch zusätzlich, werde die Konkurrenz nachziehen und eine Abwärtsspirale sei nicht mehr zu stoppen. Nur ein politisches Machtwort könne einen Dammbruch am Exempel N24 noch verhindern. Dazu müsse man im Rundfunkstaatsvertrag verbindlich festschreiben, was als Nachrichtensendung gilt und in welchem Umfang sie für Private verpflichtend sind.
Hinter solchen Forderungen steht der bislang als Konsens geltende Anspruch, dass auch Privatsender jenseits von Profitstreben gesellschaftliche Verantwortung tragen und Informationspflichten genügen müssen. Die Finanzinvestoren KKR und Permira, die ProSieben/ Sat 1 beherrschen und in eine Schuldenkrise getrieben haben, wollen es dagegen nun offenbar wissen, wie weit sie gehen können. Die Zeit ist günstig, sagen Beobachter. Politiker seien mit Euro- und Staatskrisen beschäftigt. Da werde kaum jemand N24 verteidigen. "Wenn jetzt kein Widerspruch kommt, ist es zu spät", räumt Hummel ein. Die Sat 1-Hauptnachrichten, die um 20 Uhr in Konkurrenz zur "Tagesschau" senden, hätten unter Jugendlichen so viele Zuschauer wie die ARD, wirbt der Betriebsrat. Bei Kabel 1 habe der Verfall schon begonnen. Dort seien Nachrichten in der vergangenen Woche stillschweigend von täglich neun auf fünf Minuten geschrumpft worden. Das seien nur die Vorboten.
Autor: Thomas Magenheim-Hörmann
