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16. März 2010 07:21 Uhr
Konzertkritik
Wie war’s bei... der Ersten Allgemeinen Verunsicherung im Konzerthaus Freiburg?
Da könnte so manchem Mallorca-Fan der Sangria-Eimer aus der Hand fallen: Wer die Erste Allgemeine Verunsicherung nur von Ballermann-Hits wie "Drei weiße Tauben" kannte, bekam beim Auftritt im Freiburger Konzerthaus wohl unerwartet böses Musik-Kabarett serviert. Mit schwankender Trefferquote aber sehr abwechslungsreich holten die Österreicher zum Rundumschlag aus.
Der erste Eindruck: Schwer vorstellbar, dass EAV-Frontmann Klaus Eberhartinger dieses Jahr 60 wird. Schlank und mit Goldkettchen kommt der Sänger wie ein Stenz daher, plaudert auch in charmantem Tonfall – sprüht dann aber giftigen Schmäh gegen Volksverdummung, Staat und Kirche.
Set-List: Andere Bands beschränken sich nach gut 30 Jahren Geschichte aufs komfortable Hitprogramm, nicht aber die EAV. Die hat ihre vergangenen Großtaten schon auf der "100 Jahre EAV"-Tour abgefeiert, jetzt gibt es ein komplett neues Programm zum Thema "Neue Helden braucht das Land". Darin werden nur wenige Hits wie "Ba-Ba-Banküberfall" eingestreut – die gibt es dagegen als geballte Ladung im Zugabenblock zum Medley verrührt.
Die Musik: So wandlungsfähig wie Eberhartingers Gesangsstil und Kostümfundus war auch immer schon die Musik der EAV. Das aktuelle Spektrum reicht von der Country-Parodie bis zum Rammstein-Stahlgewitter. Besonders gelungen: Die zwischen Jazz und Blasmusik schwankende Nummer "Toleranz" mit ihrem vertonten Stammtischgespräch.
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Die Texte: Eigentlich könnten es sich Eberhartinger und EAV-Gründer, Gitarrist und Texter Thomas Spitzer in Kenia gemütlich machen, wo sie mittlerweile die Hälfte des Jahres verbringen. Aber dann geht ihnen doch wieder einiges gegen den Strich: Castingshows, Fernsehköche, Paris Hilton, Banker, Geiz ist geil, rechte Politiker in Österreich und anderswo und ganz besonders die Kirche. Die Tiraden kommen nicht immer mehr so witzig-verspielt wie zu früheren Zeiten daher, aber vielleicht sind letztere dafür auch mittlerweile einfach zu ernst geworden.
Die Sprüche: Erstaunlich viel Zeit widmet Eberhartinger seinen Ansagen, in denen er alles Revue passieren lässt, was derzeit so die Gemüter bewegt. Das kommt manchmal etwas platt daher, immer wieder blitzt aber der EAV-typische Wortwitz auf, und der österreichische Zungenschlag verleiht dem Ganzen ohnehin eine gefällige Note. Da hören die Freiburger gerne, dass ihre Bächle ein "Venedig für die Füsse" seien, stimmen zu, dass "Gruppensex mittlerweile vom Rudelkochen abgelöst" wurde und klatschen selbst, als es angesichts der aktuell bekannt gewordenen Missbrauchsfälle heißt: "Man fragt sich, was Schlimmer ist für die Jugend – das Internet oder das Internat?"
Das große Finale: Zum Ausklang gibt’s bei der EAV traditionell das Stück "Morgen" vom Durchbruchs-Album "Geld oder Leben" zu hören. Neben Udo Lindenbergs düsterem "Säufermond" ist das wohl die beste Trinkerballade aus deutschsprachigen Landen – und auf unwiderstehlich charmante Weise vorgetragen.
Note: zwei Plus
Kurzkommentar: Die EAV ist gut dreißig Jahre alt, ihre beiden Hauptakteure zählen fast doppelt so viele Jahre – von altersmilde kann aber kaum die Rede sein. Die gut 1000 Zuschauer bedachten das neue Programm mit reichlich Beifall – ahnten dabei aber vielleicht schon, dass sie in der letzten Viertelstunde noch mit den meisten Hits von der "Fata Morgana" bis zur "Copacabana" belohnt wurden. Von den Österreichern lässt man sich gerne auch weiterhin verunsichern.
Fotos: Erste Allgemeine Verunsicherung in Freiburg
Autor: Stefan Rother
