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08. September 2010

Wildwuchs im Schlaraffenland

Musikhören per Streaming bei Spotify oder zaOza: Noch tut sich die Musikindustrie mit ihren Angeboten schwer.

  1. Per Klick zum Hit – bisher vor allem über Download-Läden Foto: dpa

So spannend kann Globalisierung sein. Da schwärmt einem beim Besuch in Großbritannien ein Schwede von einem revolutionären Musiktauschprogramm vor: Riesiges Angebot, kostenfrei – und vor allem: legal. Gleich vor Ort wird ein Einladungslink via Smartphone versandt. Zurück in Deutschland klickt man umgehend auf diesen Link – und stellt fest, dass nationalstaatliche Grenzen in der schönen neuen Datenwelt sehr wohl noch eine Rolle spielen: "Spotify ist in Ihrem Land nicht erhältlich", verkündet lapidar die Meldung.

Ein Beispiel, das zeigt, wie schwer sich die Musikindustrie immer noch mit Antworten auf die Raubkopie- und Umsatzkrise tut und welche Hindernisse diesen im Wege stehen können. Im Falle Deutschlands sind sich die skandinavischen Spotify-Betreiber und die Verwertungsgesellschaft Gema bislang nicht einig geworden, – die Gema will für ihre Künstler eine Mindestbeteiligung pro Abruf herausschlagen.

Aus Musikersicht verständlich, aus Nutzersicht bedauerlich, denn das Modell klingt spannend: Der Benutzer hat Zugriff auf eine enorme Musikbibliothek mit Millionen Titeln, aus der er sich Songs per Streaming, also direkte Datenübertragung ohne dauerhafte Speicherung auf dem Empfangsgerät, anhören kann. Besonders beliebt sind dabei Playlists, quasi virtuelle Varianten der früher populären Mixtapes, die man für seine Freunde zusammenstellen kann. Finanziert wird das Angebot durch Werbeanzeigen bei der Gratis- sowie eine Monatsgebühr von etwa zehn Euro bei der Premium-Variante. Die bietet eine höhere Bitrate und somit bessere Klangqualität, die Installation auf dem Smartphone sowie die Möglichkeit, die Musik auch offline anzuhören.

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Hier könnte der entscheidende Knackpunkt all der neuen Musikangebote, die derzeit auf den Markt drängen, liegen: Denn sosehr allerorten vom Streaming geschwärmt wird – der Spiegel fabulierte gerade erst von "Musik die durch die Luft geliefert wird wie gebratene Enten im Schlaraffenland"– so viele Einschränkungen gibt es noch in der alltäglichen Anwendung. Selbst wer eine superschnelle 16 000er DSL-Verbindung hat, dürfte sich schon mal über ruckelnde Youtube-Videos geärgert haben. In diesem Fall lag die Bremse vermutlich auf der Anbieterseite. Aber auch auf der Empfängerseite ist die permanente Verfügbarkeit keineswegs garantiert: Was tun bei schlechtem Empfang oder einem Auslandsaufenthalt ohne Zugriff auf W-LAN?

Zumindest im heimischen Netz des Nutzers will Spotify diese Engpässe umgehen, indem Daten nicht nur von einem zentralen Rechner sondern auch von den anderen Teilnehmern heruntergeladen werden – also eine legale Variante des Filesharing-Prinzips. Wie eine der einschlägigen Tauschbörsen mutet auch der Konkurrent zaOza an, hinter dem der französische Unterhaltungskonzern Vivendi steht. Für fünf Euro im Monat – der erste Monat ist umsonst – kann man sich durch ein wildes Sammelsurium an Songs, Musikvideos, Bildern und sogar Filmen wühlen. Diese lassen sich mit einem Klick ins "My zaOza"-Fach legen und auch an Freunde im Netzwerk weitergeben, wofür das Limit mit zehn Weitergaben großzügig bemessen ist.

Alles vielversprechend, aber die auf einem iPhone installierte Testversion präsentierte sich als wenig benutzerfreundlich: Die in der "Hypezone" angepriesenen Titel waren bedingt ansprechend und hinsichtlich der Verfügbarkeit gerät das Ganze gar zu einem Roulette-Spiel, wie es der Anbieter selber fröhlich anpreist: Klar könne man alles herunterladen – "Manchmal musst Du allerdings auch schnell sein. Wir verändern das Angebot für Dich fast jeden Tag. So sind die richtig heißen Inhalte manchmal nur ein paar Tage für Dich verfügbar."

So ist das vermeintliche Schlaraffenland momentan vor allem durch Wildwuchs geprägt. Überall sprießen teils mehr, teils weniger vielversprechende Angebote aus dem Boden. Während "zaOza" etwa in Frankreich schon recht erfolgreich läuft, ist in der Schweiz das Netzwerk restorm.com, in dem Musiker selber aktiv werden können, populär. Und das ähnlich wie Spotify aufgebaute Simfy gibt es bislang nur im deutschsprachigen Raum.

Mag sein, dass heranwachsende Generationen keinen Wert mehr darauf legen, Musik – und sei es auch nur als MP3-Download – zu besitzen und dem Zugriff auf eine Musikbibliothek den Vorzug geben. Dafür muss diese Bibliothek dann aber auch problemlos, bedienungsfreundlich und möglichst überall verfügbar sein. Bis dahin gilt allen Streaming-Träumen zum Trotz: Nur was ich Bit für Bit auf meinem Endgerät habe, kann ich getrost mit mir herumtragen…

Autor: Stefan Rother