Film-Doku

"Wo bist du, João Gilberto?" – dem Mythos auf der Spur

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Mo, 10. Dezember 2018 um 19:17 Uhr

Rock & Pop

Vor 60 Jahren ebnete João Gilberto der Bossa Nova den Weg – Georges Gachot sucht in seinem aktuellen Film "Wo bist du, João Gilberto?" nach dem Sänger.

1958 schenkte Brasilien der Welt mit der Bossa Nova einen unwiderstehlichen Sound. Vor allem ein Mann war für den Schwung dieser "neuen Welle" verantwortlich: João Gilberto übertrug das perkussive Geflecht des Samba auf die Gitarre und beendete die Ära des pathetisch gesungenen Samba Canção mit seiner zarten, nonchalanten, näselnden Stimme. Als Blaupause dafür fungierte ein Lied, das mit seinen sprachspielerischen Versen voller Leichtigkeit als erste Bossa Nova überhaupt gilt: In einer Minute und 58 Sekunden veränderte "Chega De Saudade" Brasiliens Musik für immer.

Die von Vinicius de Moraes und Antônio Carlos Jobim geschriebene Miniatur eroberte mit Gilberto als Interpret nach zähem Anlauf genau vor 60 Jahren, im Dezember 1958 die Radiostationen des Landes und löste vor allem bei der Jugend einen Run auf die Gitarre aus – alle wollten fortan so spielen wie João, und Musiker wie Roberto Menescal, Sylvia Telles oder das Tamba Trio griffen seine Errungenschaften auf. Das Genre Bossa Nova blühte – bis die Militärdiktatur dem unbekümmerten Lebensgefühl 1964 ein Ende setzte. Doch da war die Bossa schon längst musikalische Weltsprache geworden.

Der Mann, der die Welle ausgelöst hatte, machte im Laufe seiner Karriere nicht nur als Musiker Schlagzeilen. Geschichten ohne Zahl ranken sich um den verschrobenen João Gilberto, der im Studio mit seinem Perfektionismus alle zur Verzweiflung brachte, als notorischer Tagedieb zugleich aber dem Schlendrian frönte. Nach einer Karriere in Nord- und Südamerika machte sich Gilberto ab 1980 rarer und rarer, bis er sich schließlich ganz in ein Hochhaus-Apartment in Rios südlichem Stadtteil Leblon zurückzog. Dort lebt er heute noch, hoch in seinen Achtzigern. Wer ihn 2004 beim Jazz Festival in Montreux erleben konnte, zählt zu den wenigen Glücklichen, die ihn im Alter zu Gesicht und Gehör bekommen haben.

Natürlich bietet Gilbertos Rückzug in die Sphäre der Unerreichbarkeit reichlich Stoff für Buch und Film. 2011 zeichnete der deutsche Autor Marc Fischer mit "Hobalala – Auf der Suche nach João Gilberto" (Rogner & Bernhard) in Buchform nach, wie er sich in Rio mit detektivischem Spürsinn auf die Fährte João Gilbertos begab. Zugleich fing er seine Faszination für die Bossa Nova fast poetisch ein, und es gelang ihm dabei eine lakonische, selbstironische Distanz zu seiner Gilberto-Fixierung. Die Sehnsucht nach der Musik und ihrem Schöpfer hat ihn buchstäblich das Leben gekostet, er beging nach seiner Rückkehr 41-jährig Suizid.

Der Filmemacher Georges Gachot vollzieht Fischers Suche in der Dokumentation "Wo bist du, João Gilberto?" nun noch einmal in Bildern nach. Der Schweizer, der 2014 eine wunderbare Doku über den Samba gedreht hat, aber scheitert nun zumindest teilweise an der Bossa Nova. Das liegt daran, dass er bei der Suche nach dem Mythos João Gilberto wie ein Trittbrettfahrer Fischers wirkt und parallel auch noch dem zweiten Phantom, dem des Schriftstellers nachjagt, bewaffnet mit allen Recherchematerialien, die ihm Fischers Eltern ausgehändigt haben.

Er trifft auch die gleichen Gesprächspartner wie Fischer: Gilbertos Ehefrau Miucha, seine Bossa-Weggefährten João Donato, Roberto Menescal und Marcos Valle, seinen Koch, seinen Manager. Sie dürfen zusätzliche Anekdoten erzählen, und die Passagen aus Fischers Buch vorlesen, in denen sie vorkommen, wie überhaupt Vieles während der 100 Minuten mit Zitaten gefüllt wird. Man hat phasenweise den Eindruck, einem Hörbuch zu lauschen, über das nächtliche Autofahrten durch Rio, Szenen vom Meer und der tropischen Natur illustrierend montiert wurden. Was dank Imaginationskraft des Lesers bei Fischer zu einer Art Musikkrimi werden konnte, droht bei Gachot durch die Direktheit der Bilder zu einer Stalker-Geschichte abzuflachen.

Für Brasilienverrückte ist der Film allein durch die Auftritte der berühmten Musiker sehenswert. Hat man Fischers Buch bereits gelesen, wirkt der Streifen redundant. Für die, die dem Phänomen Bossa Nova erst noch näherkommen wollen, ist die dreifache Bezugsebene dagegen einfach nur verwirrend. Gachot ist leider viel zu beschäftigt mit sich selbst, um die Schönheit dieser sehnsuchtsvollen Musik zu transportieren, die vor 60 Jahren die Welt eroberte.

"Wo bist du, João Gilberto?" (Regie: Georges Gachot) läuft vom 12. bis 18. Dezember im Kommunalen Kino Freiburg.

Meilensteine der frühen Bossa Nova

João Gilberto: Chega De Saudade / O Amor, O Sorriso E A Flor / João Gilberto (Odeon)
Antônio Carlos Jobim: Antônio Carlos Jobim (Elenco)
Roberto Menescal: A Bossa Nova De Roberto Menescal E Seu Conjunto (Elenco)
Tamba Trio: Tamba Trio (Philips)
Sylvia Telles: Amor De Gente Moça (Odeon).