Wo der Mensch sich selber spiegelt

Antje Lechleiter

Von Antje Lechleiter

Fr, 06. Juli 2018

Kunst

"Das Lied der Dinge": In der aktuellen Ausstellung der Sammlung Hurrle in Durbach geht es um die Geschichte des Stilllebens.

Der römische Schriftsteller und Historiker Plinius berichtet um 77 nach Christus von einer Konkurrenz zwischen zwei bildenden Künstlern: "Zeuxis malte im Wettstreit mit Parrhasius so naturgetreue Trauben, dass Vögel herbeiflogen, um an ihnen zu picken. Daraufhin stellte Parrhasius seinem Rivalen ein Gemälde vor, auf dem ein leinener Vorhang zu sehen war. Als Zeuxis ungeduldig bat, diesen doch endlich beiseite zu schieben, um das sich vermeintlich dahinter befindliche Bild zu betrachten, hatte Parrhasius den Sieg sicher, da er es geschafft hatte, Zeuxis zu täuschen. Der Vorhang war nämlich gemalt."

Was für eine Malerei, die sowohl Tier als auch Mensch derart zu täuschen vermag! Während sich die Antike an einer solchen Fertigkeit zu berauschen vermochte, verschwand die Schilderung von Alltagsobjekten aus der Kunst des Mittelalters. Ebenso gerieten die Gattungen Landschaft und Porträt in Vergessenheit, da die bildende Kunst von religiösen Motiven geprägt war. Das von Plinius beschriebene Höchstmaß an Illusionismus wurde erst in der Renaissancemalerei wieder aufgegriffen. So trat in der frühen Neuzeit und auch im Bereich des Stilllebens eine Trompe-l’œil Malerei (frz. "täuscht das Auge") auf den Plan, die sich durch die Jahrhunderte hinweg und bis in unsere Tage als – mehr oder minder starke – künstlerische Position gehalten hat.

Anschaulich wird die Geschichte des Stilllebens in der aktuellen Ausstellung der Sammlung Hurrle in Durbach, die den schönen Titel "Das Lied der Dinge" trägt. Rund 80 Gemälde und Skulpturen von fast ebenso vielen, internationalen Künstlern singen das hohe Lied von der Schönheit und Symbolkraft der Gegenstände, die den Menschen durch den Alltag begleiten. Der Schwerpunkt seiner Sammlung liegt auf der Zeit nach 1945, doch diesmal wollte Rüdiger Hurrle weiter in die Kunstgeschichte zurückblicken und Entwicklungslinien hinein in die aktuelle Kunst ziehen.

Eine Arbeit von Georg Flegel (1566-1638) durfte daher nicht fehlen, schließlich zählt der Künstler zu den ersten reinen Stilllebenmalern in Deutschland. Sein um 1610/20 bravourös gemaltes Bild mit Karpfenkopf, Fasan und Johannisbeeren demonstriert den Wohlstand des aufstrebenden Bürgertums im 17. Jahrhundert. Vergleichbare Themen der Selbstvergewisserung einer Bevölkerungsschicht spielen in der zeitgenössischen Kunst natürlich keine Rolle mehr. Ein Künstler wie David Nicholson knüpft mit seinem altmeisterlich gemalten Bildern "Dead Rooster" von 2007 dennoch an die überbordende Prachtentfaltung solcher Arrangements an und spielt mit dem Sujet.

Die Tradition einer Vanitas-Symbolik greift Marianne Gartner in ihrem Bild "Funk To Funky" von 2013 auf. Eine Ansammlung von Kürbissen, ein Skelett mit Blume und ein Nachtfalter – all diese Elemente verweisen auf das, was dem Stillleben jahrhundertelang eingeschrieben war: Der Verweis auf die Endlichkeit alles Irdischen, der mit der Mahnung verbunden war, ein gottesfürchtiges Leben zu führen. Die drei Totenköpfe als Vanitas-Darstellung des neusachlichen Künstlers Georg Scholz, der 1945 in Waldkirch verstarb, erscheint angesichts ihrer Entstehungszeit um 1931 fast wie ein Omen.

Geht man durch die reich bestückte Ausstellung und betrachtet die wundervollen Papageientulpen, die der spanische Künstler Juan de Arellano um 1665 malte, Anton Räderscheidts "Stillleben mit roter Tulpe" von 1923 und Leiko Ikemuras im Jahr 1994 entstandenes Bild "Flowers", so zeigt sich, dass es offensichtlich Themen gibt, die ihren Platz in der Kunstgeschichte über viele Jahrhunderte hinweg behaupten konnten.

Das, was die Franzosen "nature morte" nennen, lebt also bis heute. Warum das so ist? Zum einen, weil mit Blumen, Früchten und Gefäßen Dinge abgebildet sind, die sich im Laufe der Zeit kaum verändert haben. Zum anderen, weil das "Prinzip Stillleben" nach wie vor gültig ist. Gerade die größten stilistischen Gegensätze innerhalb der Ausstellung verdeutlichen dies. Jean Fautriers informelle Arbeit "Bouquet de fleurs" strahlt etwas aus, das auch den neusachlichen Gemälden von Alexander Kanoldt und Rudolf Dischinger innewohnt: Der Mensch ist in diesen Werken zwar nicht anwesend, doch er spiegelt sich selbst in der vergänglichen Schönheit seiner Objekte.

Sammlung Hurrle, Almstr. 49, Durbach. Bis 4. Nov., Mi bis Fr 14–18, Sa, So 11–18 Uhr. http://www.museum-hurrle.de