Pop

Würdevolles Konzeptalbum: Paul McCartneys "Egypt Station"

Alfred Rogoll

Von Alfred Rogoll

Di, 11. September 2018 um 00:00 Uhr

Rock & Pop

In seinem 40. Album nach der Beatles-Ära gelingt Paul McCartney die unbedingte Konzentration auf die eigene Kreativität. In Konkurrenz treten zu Taylor Swift oder Beyoncé will er ganz bewusst nicht.

Mitglied der berühmtesten und wichtigsten Band der Welt gewesen zu sein – das bleibt, aller späteren Aktivitäten zum Trotz, ein lebenslängliches Markenzeichen der Beatles. Ob allein oder mit wem auch immer Paul McCartney zusammenspielt: Das Publikum sieht – und hört – zuvorderst das Vermächtnis der "Fab Four".

Die Sehnsucht alter Fans nach dem so eindrucksvollen und nachhaltigen Wirken des Quartetts, von dem heute nur noch Drummer Ringo Starr und Paul McCartney leben, wirkt auch bei Nachgeborenen erstaunlich weiter: Anders ist der dauerhafte, auch kommerzielle Erfolg fortwährend gehandelter Beatles-Produkte kaum zu erklären. Was bleibt da für einen leidenschaftlichen Musiker wie Paul McCartney anders als die unbedingte Konzentration auf die eigene Kreativität?

Nach zwei Jahren Vorlauf veröffentlicht er nun sein rund 40. Album nach der Beatles-Ära: "Egypt Station". Zuerst wurde dieses Werk in Form von Basic Tracks fast im Alleingang eingespielt – der Ex-Beatle beherrscht nicht nur Bass, Gitarren und etwas Klavier, sondern arbeitet sich auch gern am Schlagzeug ab. Greg Kurstin betreute die Sessions und ergänzte sie stellenweise instrumental. Dieser Produzent (und Multiinstrumentalist) gilt als Qualitätsgarant; er diente zuvor erfolgreich Größen wie Adele, Beck und den Foo Fighters.

In Studios in Los Angeles und im englischen Sussex erarbeiteten McCartney und Kurstin während der beiden letzten Jahre das Gerüst des Albums, während einige Passagen von Pauls Tourband ergänzt wurden. Die letzte Politur gab es in den berühmten Abbey Road Studios in London: Hier sorgten Chöre, Streicher und Bläser für feine Zutaten.

Manchen Kenner erinnert das Cover von "Egypt Station" in der Farbgebung an das 1971er Album "Ram". Mit massivem Einsatz der Farbe Gelb als Hintergrund, mit den Motiven von Widder und Käfer. Das Cover ist laut Paul McCartney aber auch eine Reminiszenz an die altägyptische Art der Reduktion in Darstellungen. Besonders deren Sonnenblumen haben ihn nach eigenen Worten zu diesem Bild animiert.

Vieles hört sich in "Egypt Station" nach umfassendem Aufwand an. McCartney gibt den Konservativen: "Die Alben aktueller Stars wie Kendrick, Taylor Swift oder Beyoncé klingen wie eine Aneinanderreihung großartiger Singles", sagt er. "Ihnen aber fehlt der dramatische Bogen, wie man ihn von Pink Floyd-Alben oder denen der Beatles kennt." Und er fährt fort: "Auf diesem Feld kann und will ich nicht mit diesen Leuten in Konkurrenz treten. Was ich aber kann, ist, was man früher ein Konzeptalbum nannte."

Ein vielfältiges Spektrum des McCartney-Universums

So will "Egypt Station" als erlesene Sammlung verstanden werden, die durch das vielfältige Spektrum des McCartney-Universums führt. Vom akustisch dominierten Song "Confidante" über die Hymne "People Want Peace" (nicht so unmittelbar wie einst John Lennons "Give Peace A Chance") bis zum geradlinig rockenden "Caesar Rock". Alles sehr gefällig, wiewohl der mittlerweile 76-Jährige die Gesangspassagen zwar noch immer mit seinem unverkennbaren Paul McCartney-Timbre, aber nun doch schon eine Spur rauer, ja brüchiger als vor Jahren gestaltet. Am Anfang klingt es nach Bahnhof: "Opening Station" offeriert solch eine Geräuschkulisse, die flugs in sphärischen Chorgesang übergeht, gefolgt vom melancholisch-einschmeichelnden "I Don’t Know".

Bei wohlklingendem, insgesamt jedoch nicht übermäßig facettenreichem Schlagzeugspiel dominieren das Album die Saitenklänge. Die meisten Stücke sind von der Gitarre und vom Gesang, seltener vom Klavier her entwickelt. Sir Paul McCartney, schon bei den Beatles der Feine mit dem Hang zu Melodischem, übt sich gern und wiederholt an kleinen Balladen. "Do It Now" transportiert einen Spruch seines Vaters, der simpel zur Aktivität animiert: ein winziger Schnipsel der McCartney-Geschichte, die einmal mehr zum Song wird.

In der Gegenwart ankert dagegen "Despite Repeated Warnings". Die Geschichte eines Kapitäns, der sein Schiff ins Unglück lenkt, darf als aktuelle Polit-Parabel verstanden werden. Hier entwickelt der ewige Beatle die musikalisch breitesten Momente des Albums. Bevor sich das Ende ankündigt.

Auf einen rahmengebenden "Station II"-Soundteppich folgt das als kleine Suite verfasste "Hunt You Down / Naked / C-Link". Und das mündet nach einem rockigen Beginn über das Songformat in eine einfache, langsame, jamartige Session. Die elektrische Blues-Gitarre schwebt zuletzt über einem langen, orchestrierten c-Moll-Akkord. Das wirkt ebenso versiert wie gefühlvoll, ja würdevoll. Paul McCartney spielt nicht nur zum Schluss mit sich selbst.

Paul McCartney: Egypt Station (Universal).