Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. April 2012

Zerfließende Traumgespinste

Die Münchner Stargeigerin Julia Fischer beschließt die "Klassik Sterne" im Schweizer Rheinfelden.

  1. Julia Fischer Foto: Roswitha Frey

Wie eine Lichtgestalt steht sie auf der Bühne in ihrem cremeweißen Kleid, vom Scheinwerfer in eine Gloriole getaucht. Eine Lichtgestalt der Geigenszene ist Julia Fischer wirklich: 28 Jahre jung, aber längst ein Weltstar, seit sie mit 19 an der New Yorker Carnegie Hall debütierte. Sich wie ein Model zu inszenieren wie andere Geigerinnen ihrer Generation, die die großen Konzertbühnen erobern, liegt dieser mit so viel kontrollierter Emotion, Hingabe und Ernsthaftigkeit spielenden Künstlerin fern. Ihr geht es, und das zeigte sich bei ihrem Recital zum Saisonabschluss der Reihe "Klassik Sterne" im Musiksaal der Kurbrunnenanlage im schweizerischen Rheinfelden, einzig darum, die Musik sprechen zu lassen.

Und wie sie das tut, ist atemberaubend in der selbstverständlichen Virtuosität, die keine technische Mühen zu kennen scheint. Doch es nicht nur diese stupende Technik, die an Julia Fischers Spiel staunen macht. Es ist die unerhörte Leichtigkeit und Souveränität, die sie auf der Bühne ausstrahlt, die Differenzierungskunst und intelligente Gestaltung, mit der sie die passende Charakterisierung für jedes Stück trifft – für Mozart, Schubert, Debussy, Saint-Saëns. Und es ist die Eleganz der Bogenführung und der schöne, helle Ton, der die Klasse ausmacht.

Werbung


Für Mozarts große B-Dur-Sonate KV 454, mit der die Münchner Stargeigerin und ihre Klavierpartnerin Milana Chernyavska das Programm eröffnen, braucht es eine außergewöhnliche Violinvirtuosin: eine, die fähig ist, im tiefsinnigen Andante mit Empfindung zu spielen, und sich brillant durch den farbigen Kopfsatz und das Allegretto zu bewegen. Julia Fischer bringt das alles mit, geht die Ecksätze schnörkellos an, spielt den Mittelsatz hingebungsvoll und warmtönend auf ihrer Geige, die in den tieferen Lagen schön sonor klingt. Bei Mozart entwickelt sich ein beredter Dialog zwischen der Geigerin und der temperamentvoll und mit prägnantem Anschlag spielenden Pianistin.

Wie geschaffen für Julia Fischer sind Stücke virtuosen Zuschnitts wie Schuberts Rondeau brillant, wo sie mit der ihr eigenen unangestrengten Virtuosität, perfekter Technik und dem silbrig hellen Ton die Effekte und die Kontraste zwischen lyrischen und dramatischen Passagen wirkungsvoll auskostet, wiederum akzentuiert von Milana Chernyavska begleitet.

Die eigentliche Klangsensation ist, wie differenziert Julia Fischer die Violinsonate von Debussy gestaltet. Das ist ein Erlebnis, welchen subtilen Zauber sie hier mit ihrer tonlichen Edelkunst entfaltet, wie geschmeidig sie im Intermezzo eine geheimnisvolle Atmosphäre beschwört, gleich einem zerfließenden Traumgespinst. Ebenso überwältigend ist, mit welcher Intensität die Geigerin in der ersten Sonate für Violine und Klavier von Camille Saint-Saëns das stürmische Hauptthema angeht. Auch bei Saint-Saëns beeindruckt Fischers superber Ton. Das Leichte, Graziöse der Adagio-Passagen bringt sie ebenso differenziert zum Ausdruck wie das toccataartige, rasante Finale, das sie technisch hinlegt wie ein weiblicher Paganini. Die junge Spitzengeigerin beweist viel Gespür für die Valeurs dieser Musik, erfüllt sie mit staunenswerter Leichtigkeit. In der Zugabe, einer Melodie von Tschaikowsky, zelebriert Julia Fischer dann noch einmal diese völlige Hingabe an die Musik.

Autor: Roswitha Frey


0 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.



Weitere Artikel: Klassik