Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
22. Juni 2010 08:34 Uhr
Landplage
50 Jahre Paparazzo: Moderne Kopfgeldjäger
Vor 50 Jahren ha Federico Fellini den Filmklassiker "La dolce vita" geschaffen. Damit war der Beruf des Paparazzo geboren – die Landplage aller Prominenten und Lieferanten von Klatsch und Tratsch.
BERLIN. Seinen ersten aufdringlichen Auftritt hatte er vor 50 Jahren in Federico Fellinis Meisterwerk "La dolce vita" (Das süße Leben): Der Fotograf Paparazzo. Der Film kam am 22. Juni 1960 in die deutschen Kinos. Damals ahnte noch niemand, dass der Italiener einmal zum Namensgeber einer Branche avancieren würde. Die Paparazzi umgibt eine Aura ruchloser Outlaws, stets bereit, den "ultimativen Schuss" abzugeben. Der Job ist zu einem knallharten Geschäft mutiert, das Image der Fotografen liegt heute irgendwo zwischen Gesetzesbrecher und Schmeißfliege.
So unverfroren wie seine heutigen Nachahmer war Fellinis Paparazzo nicht. Er begleitete den Boulevardjournalisten Marcello Rubini – gespielt von Marcello Mastroianni – auf der Suche nach den Geheimnissen der römischen Prominenz. Bei seiner Jagd durch die Nachtclubs und Bars an der Via Veneto bewegte sich ein ganzer Fotografentross in seinem Schlepptau, dabei tat sich der aggressive Pressefotograf Giuseppe Paparazzo (Walter Santesso) besonders hervor.Es gibt mehrere Deutungen, wie Fellini auf den Namen Paparazzo kam. Einige sprechen von einem Hotelbesitzer namens Coriolano Paparazzo, der in einem britischen Reiseführer erwähnt wird. Andere glauben, dass Fellini zur Namensfindung durch einen früheren Klassenkameraden angeregt wurde. Wegen der schnellen Sprechweise und seiner flinken Bewegungen wurde diesermit einer"surrenden Mücke" verglichen und Paparazzo genannt – wohl nach der überdimensionalen sizilianischen Mücke "papataceo".
Werbung
Fest steht, dass Fellini vom Fotografen Tazio Secchiaroli inspiriert wurde, der in den 1950ern auf seiner Vespa Jagd nach Stars und Sternchen machte. Er erfand einen neuen Markt, denn die Boulevardpresse wollte lieber Schnappschüsse statt gestellter Fotos haben – je kompromitierender desto besser. Sein größter Coup: Er bedrängte König Farouk von Ägyptens so lange, bis dieser aufsprang und den Tisch umwarf – Secchiarolis Foto ging damals um die Welt.
Heute sind die bekanntesten Paparazzi selber Stars der Fotografenszene. Sie gründeten eigene Agenturen wie Frank Griffin mit seinem Hollywood Hunt Club oder Darryn Lyons Big Pictures. Deren Fotografen waren als erste am Unfallort von Lady Di. Dass sie seither niemand mag, stört die Bad Boys der Fotografie nicht. Lyons beschaffte außerdem als Erster ein "Beweisfoto" von Angelina Jolie und Brad Pitt als Paar. Der bekannteste deutsche Paparazzo, Hans Paul, ist seit 1998 meist in Kalifornien unterwegs. In Los Angeles ist die Stardichte am größten, zum Leidwesen der Promis auch die Aufdringlichkeit der "Paps". Ganze Scharen patrouillieren stundenlang auf der Melrose Avenue, dem Rodeo Drive und dem Sunset Boulevard, immer auf der Suche nach dem "goldenen Schuss".
Henry Flores gründete 2006 mit seinem Kollegen Brad Elterman die Agentur Buzz. "Wir sind Kopfjäger", sagt er stolz. Er glaubt, ohne ihn und seine Berufskollegen würde der Marktwert der Promis sinken und die Klatschpresse könnte einpacken. Es sei ein Geben und Nehmen. Schaut man sich die Berichterstattung über die kahlgeschorene Britney Spears, eine sturzbetrunkene Lindsay Lohan und eine "zufällig" mit nacktem Hintern posierende Paris Hilton an, scheint darin ein großer Funken Wahrheit zu liegen.
Der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger unterzeichnete 2006 ein Gesetz, das die Aktivitäten der Paparazzi einschränkt. Nach Unfällen von Scarlett Johansson und Reese Witherspoon ist es dort inzwischen verboten, Prominente im Auto zu verfolgen oder einzukesseln. Bereits 2004 betonte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im "Caroline-Urteil" die Schutzwürdigkeit der Privatsphäre auch von Personen der Zeitgeschichte.
Um schnell herauszufinden, wann und wo die Stars auftauchen, muss ein erfolgreicher Paparazzo über ein Netzwerk von Türstehern, Kellnerinnen und Hotelboys verfügen. Die Tipps werden belohnt, denn der umkämpfte Markt bringt gutes Geld. Schon für ein weniger spektakuläres Foto eines Prominenten gibt es bis zu 150 Euro, durch Mehrfachverkäufe können selbst dabei 1000 Euro zusammenkommen. Hans Paul erhielt für das erste Bild von Pierce Brosnan mit seinem Sohn Paris sogar 50 000 Dollar.
Manche Prominente wehren sich mit Schlägen und Tritten gegen die Fotografen. Andere ziehen vor Gericht oder lassen sich von Sicherheitsdiensten abschirmen. Der russische Milliardär Roman Abramovich hat seine 300 Millionen Euro teure Yacht Eclipse sogar mit einem Superlaser ausrüsten lassen. Kommt ihm ein Fotograf zu nahe, spürt das Gerät die elektronischen Signale der Lichtsensoren von Fotokameras auf und schießt mitten in die Linse. Da wirken die einst wilden Zeiten, als Fellinis Paparazzo in den Kinos auftauchte, schon beinahe beschaulich.
Autor: Michael Ossenkopp
