Grenzach-Wyhlen

Anatomische Besonderheit: Mancher hat das Herz tatsächlich am rechten Fleck

Verena Pichler

Von Verena Pichler

So, 10. Februar 2019 um 17:00 Uhr

Grenzach-Wyhlen

Bei Brigitte Brutsche liegen alle Organe spiegelverkehrt / Die 66-Jährige hat ihren besonderen Körper deshalb gespendet.

Situs inversus totalis. Hinter diesen lateinischen Worten verbirgt sich eine extrem seltene anatomische Besonderheit. Bei Menschen, die davon betroffen sind, liegen alle Organe spiegelverkehrt im Körper. Einer dieser Menschen ist Brigitte Brutsche aus Grenzach-Wyhlen. Für die 66-Jährige war diese Besonderheit mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden, die sie anderen gerne ersparen möchte. Deshalb wird ihr Körper nach ihrem Tod ausgestellt.

Wer Brigitte Brutsche kennenlernt und nichts vom situs inversus totalis weiß, sieht einfach eine hübsche Frau mit Augen, die strahlen, wenn sie lacht. Eine Frau, die mit sich und ihrem Leben im Reinen zu sein scheint. Einen großen Teil dieser Gelassenheit hat Brutsche einer Entscheidung zu verdanken, die für viele andere Menschen wohl unvorstellbar ist. Nach ihrem Tod wird ihr Körper ins Plastinationszentrum von Gunther von Hagens nach Heidelberg überführt. Dort wird er für die Ausstellung "Körperwelten" aufbereitet, wo ihn dann unzählige Besucher anschauen können. "Das hat mir Seelenfrieden geschenkt", sagt Brutsche und nickt nachdrücklich.

Denn mit diesem Schritt möchte sie zur Aufklärung beitragen und anderen Betroffenen ihren eigenen Leidensweg ersparen. Erkannt wurde der situs inversus totalis nicht bei Brutsches Geburt, sondern erst als Jugendliche. "Ich musste einer Blinddarm-OP unterzogen werden", erklärt sie. Da auch dieses Organ bei ihr auf der anderen Seite liegt als üblich, "ging da was schief". Die Folge: Brutsche kann keine Kinder bekommen. Ein Mangel, der ihr bis heute zu schaffen macht. Hinzu kommt, dass sie von Kindesbeinen an schwere Medikamente nehmen musste. "Die Ärzte dachten, ich hätte ein schwaches Herz", sagt sie. Dabei wurde – lapidar gesagt – einfach nur auf der falschen Seite abgehört. Das hat zu einer Leberschädigung geführt. Als Brutsche ungefähr 40 Jahre alt ist, entschließt sie sich, ihre Organe zu spenden. "Aber irgendwie hatte ich gefühlt, dass ich noch mehr machen kann", erinnert sie sich. Also nahm sie Kontakt zur Uniklinik Freiburg auf und bot sich als Körperspenderin an. "Die sagten, kommen Sie mit 50 nochmal."

Ein einschneidendes Erlebnis

Dann kommt Gunther von Hagens "Körperwelten" nach Basel – für Brutsche ein einschneidendes Erlebnis. In der Ausstellung wurde der Torso eines Mannes gezeigt mit situs inversus totalis. "Neben diesem Ausstellungsstück stand eine kleine Bank. Auf der bin ich lange Zeit gesessen und habe zugeschaut, wie die Menschen stehen bleiben und sich interessieren", sagt Brutsche und ein kleines Lachen huscht über ihr Gesicht. Für sie war klar: Genau neben diesen Mann möchte sie, als weibliches Gegenstück.

Zuvor aber musste sie ihren eigenen Mann von dem Schritt überzeugen. "Das war nicht einfach." Schließlich wird es für Brutsche später kein Grab geben, kein Ort, an dem Gedenken möglich ist. Stattdessen wird Brutsche zum Objekt der Wissenschaft. "Das habe ich ihm erklärt. Schau, ich tue etwas Gutes." Er akzeptierte Brutsches Entscheidung. "Sonst hätte ich es auch nicht gemacht." Mit von Hagens schließt Brutsche einen Vertrag ab und steht in Kontakt zum Institut. Erst vergangene Woche war sie zur Pressekonferenz nach Ulm eingeladen, wo die neue Ausstellung eröffnet wurde. Sie war außerdem schon bei einer Plastination in Heidelberg dabei. "Das war schon eine eindrückliche Erfahrung." Von ihrem Wunsch abgehalten hat der Anblick der Körper sie nicht.

In ihrem Geldbeutel hat Brutsche neben einem Körperspenderausweis auch immer eine Notfallkarte. "Damit die Sanitäter gleich wissen, wo sie was anlegen müssen." Da aber in der Hektik eines Notfalls diese Karte vielleicht nicht gleich gefunden wird, hat sich Brutsche etwas überlegt.

"Aber irgendwie habe ich

gefühlt, dass ich noch mehr machen kann."

"Ich dachte mir, dass ein Tattoo ja immer an meinem Körper ist", sagt Brutsche. Nur über den richtigen Platz war sie sich nicht ganz schlüssig. "Als ich dem Tätowierer gesagt habe, was ich möchte, sagte er: Dann sollten wir das über dem Herzen stechen." Und da steht es nun: situs inversus totalis in blauer Schrift auf der rechten Seite.

Die anatomische Besonderheit weckt bei Medizinern immer wieder Interesse. Brutsches Hausärztin bittet die 66-Jährige regelmäßig, Azubis zu Untersuchungen hinzuziehen zu dürfen. "Etwa beim Anlegen des EKG." Brutsche macht das gerne, weil sie möchte, dass so viele Menschen wie möglich etwas über das Phänomen lernen.

Manchmal kommt Brutsche in Alltagssituationen ins Schmunzeln. Etwa beim Neujahrsempfang der Gemeinde, als sich zum Badner Lied alle Gäste erhoben und die Hand aufs Herz legten. Brutsche war wohl die einzige im Saal, deren Hand rechts ruhte.
Ausstellung

"Körperwelten. Eine Herzenssache" ist noch bis zum 5. Mai im Blautal-Center in Ulm zu sehen, ab 17. Mai in der Messe Freiburg. Weitere Infos und Tickets gibt es bei bz-ticket.de