Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. Januar 2011

Auf Hitlers Spuren durch Deutschland

Eine Pauschalreise zum "Gesicht des Bösen" beschäftigt die Briten.

  1. Am Obersalzberg, einst Hitlers Refugium, steht jetzt ein Hotel. Foto: DDP

Die Orte der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts – die Vernichtungslager des Holocaust – bemühen sich seit Jahrzehnten um mahnende Erinnerung, Betroffenheit, millionenfach wachen Schülerverstand. Auch Lokalitäten wie das Haus der Wannseekonferenz in Berlin, an denen die Täter über das Schicksal ihrer Opfer entschieden, wollen als Gedenkstätten den Schrecken jener Zeit vermitteln.

Wie viel Aufklärung aber erlaubt eine Urlaubstour auf Hitlers Spuren? Das fragen sich die Briten, wo jetzt erstmals zu einer solchen Reise eingeladen wurde. Statt Loreley, Oktoberfest und Weihnachtsmärkten soll das Publikum von der Insel in Germany Stationen aus dem Leben des Führers präsentiert bekommen. 2000 Pfund (2400 Euro) pro Nase kostet die Reise, die eine exklusive Begegnung mit dem "Gesicht des Bösen" verspricht. Veranstaltet wird der Trip von britischen Historikern und Autoren, die am "Aufstieg und Fall des Dritten Reiches" interessiert sind. Nur 30 Personen können an der ersten Tour teilnehmen.

Enthüllt von Londons Sunday Times, hat der ungewöhnliche Ausflug einige Unruhe im Königreich verursacht. Den Deutschen, betonen britische Berichterstatter, bereite das Ganze keine sonderlichen Probleme mehr. Viele Deutsche hätten längst Abstand gewonnen zur Hitler-Zeit. Dabei pflegten noch vor wenigen Jahren britische Deutschland-Reisende einander zu ermahnen, den Krieg und alles, was damit zusammenhängt, besser nicht zu erwähnen. "Don’t mention the war", sprich’ unter Deutschen lieber nicht vom Krieg, ist bis heute eine feste Redewendung auf der Insel geblieben. Wenn aber die Teutonen heute selbst auf NS-Besichtigungstouren in ihrer "dunklen Vergangenheit" herumtappen: Warum sollen dann aufgeklärte Briten nicht auf Hitlers Spuren wandeln dürfen?

Werbung


Für die Veranstalter der Reise ins Reich des Bösen ist tatsächlich nichts Böses an der Faszination von Hitler-Stätten auszumachen. "Wir sind schließlich ernsthafte, ausgewiesene Historiker", beharrt der Schriftsteller und Kriegsexperte Nigel Jones, der zusammen mit seinem Forscherkollegen Roger Moorhouse die Tour betreut.

In acht Tagen soll die Reise von München und Berchtesgaden über Nürnberg nach Berlin führen. Dachau und Sachsenhausen sind im Programm enthalten. Vor allem aber geht es um Bürgerbräukeller und Hofbräuhaus, um Berghof, Adlernest, Nürnberg-Aufmärsche, Reichskanzleibunker und den Ort, an dem Hitler seinem Leben ein Ende setzte – eben ums rechte Gefühl für die Führergeschichte.

Dem prominenten britischen Historiker David Cesarani kommt ein solcher Ausflug verdächtig vor. "Deutsche Historiker haben sich der Nazivergangenheit mit großem Ernst angenommen", sagt Cesarani. "Hier aber besteht die Gefahr der Sensationsgier, wenn man die Sache in den Rahmen einer Urlaubsfahrt stellt. Wenn man sich zu sehr auf Stätten konzentriert, die sich auf Hitler beziehen, befördert man den Kult dieser Persönlichkeit. Dann wird der Trip am Ende eine perverse Pilgerreise."

Als solche wollen Jones und Moorhouse ihre Erkundung nicht verstanden wissen. Rechtsradikale wollen sie auf ihrer Fahrt nicht mit dabei haben. Niemand soll auf dem Berghof wehmütig Kerzlein entzünden oder sich beim Bier in München zu üblen Reden versteigen. "Um ganz sicher zu gehen", erklärt Nigel Jones, "werden wir jeden Einzelnen, der mitkommen will, anrufen und ihn nach seinen Motiven und Interessen fragen." Rückruf und telefonisches Interview zum Warum und Wieso sind also als Sonderleistung in die Buchung des Holiday-Pakets eingeschlossen. Erst wer die fernmündliche Prüfung bestanden hat, darf seine Teilnahmegebühr entrichten – um unter sanfter Führung dem "Gesicht des Bösen" zu begegnen.

Autor: Peter Nonnenmacher