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26. Juli 2011

Krach auf dem Kiez

Berliner ärgern sich über Party-Touristen

Mit 20,8 Millionen Übernachtungen pro Jahr gehört Berlin nach London und Paris zu den beliebtesten Metropolen Europas. Doch die vielen Touristen kommen nicht bei allen Berlinern gut an.

  1. Berlin hat viele Sehenswürdigkeiten zu bieten – zum Beispiel die Siegessäule. Einige Touristen verbinden den Besuch in der deutschen Hauptstadt aber lieber mit Barbesuchen. Foto: dpa

BERLIN. Mit 20,8 Millionen Übernachtungen im Gastgewerbe pro Jahr gehört Berlin nach London und Paris zu den beliebtesten europäischen Metropolen. Allein im Mai 2011 kamen nach jüngsten Zahlen der Tourismusgesellschaft "visit Berlin" rund 929 000 Besucher. Doch die vielen Touristen kommen nicht mehr bei allen Einwohnern der Hauptstadt gut an.

Der Sektkorken platzt. Ein Grüppchen junger Spanier ist gerade am Bahnhof Warschauer Straße in Berlin eingetroffen, einer der Männer nestelt aus der Tasche Wegwerfbecher aus Plastik. Im Pulk mit anderen Touristen bewegt sich der fröhliche Trupp in Richtung der Hostels und preiswerten Hotels. Herzlich willkommen in der Touristenmetropole Berlin! – Oder etwa nicht?

Neben Aufklebern wie "Nazis stoppen!" oder "Streetart-Schutzgebiet" fallen den Berlin-Besuchern an Hauswänden oder auf Laternenpfosten auch Parolen wie "Touris raus!" und "Touris nein danke!" auf. Mitten auf international verständlichen Aufklebern in Englisch prangt ein durchkreuztes Herz, besagend, dass Berlin nichts übrig habe für Gäste. Jedenfalls nicht für solche, die diese Stadt als eine Tag und Nacht betriebsbereite Partymeile betrachten.

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Aber: Darf man meckern, wenn so viele Arbeitsplätze am Tourismus hängen? Rund neun Milliarden Euro jährlich geben Gäste in der Stadt aus. Sie sorgen damit für etwa sieben Prozent des Gesamtumsatzes in der Berliner Wirtschaft. Rechnet man Familienangehörige mit, leben insgesamt in der Stadt schätzungsweise 232 000 Menschen vom Tourismus. Vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September haben die Grünen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung das Unbehagen aufgegriffen und Kiezbewohner zu Diskussionsrunden eingeladen. "Hilfe, die Touristen kommen!", lautete das nicht nur ironisch gemeinte Motto. Das schlägt Wellen. Der britische Guardian warnt seine Leser: "Berliners have a new enemy: you", Berliner haben einen neuen Feind: dich. Die französische Internetzeitung Rue89 titelt, Berlin wolle seine Pforten vor den Touristen verschließen.

"Berliner haben einen

neuen Feind: dich."

Der britische "Guardian" über das Verhältnis der Berliner zu Touristen
Ausführlich berichten die ausländischen Medien allerdings auch über die Gründe für Angst und Ablehnung bei Ureinwohnern mancher Kieze: Preissteigerungen, Verdrängung von Mietern und Geschäften für den täglichen Bedarf sowie die Touristifizierung der Szeneviertel in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte oder Prenzlauer Berg.

Der Stadtführer Johann Jodock hält dagegen, die allermeisten Berliner betrachteten Tourismus als das Selbstverständlichste der Welt. Traditionell sei Berlin eine Touristenstadt, offen gegenüber Neuankömmlingen und stolz auf seine bunte Mischung. Wenn Besucher bei der Fahrt im beliebten Bus Nr. 100 die Sehenswürdigkeiten wie Siegessäule, Reichstag oder Fernsehturm an sich vorbeiziehen lassen, sprechen Berliner sie gerne an. Sie versorgen die Gäste, ob die es wollen oder nicht, mit heißen Tipps für die wirklich beste Currywurst der Stadt, für einen vertrauenswürdigen Badesee oder Gratiskonzerte im Park als Ausgleich für ein anstrengendes Sightseeing.

Schwierigkeiten gibt es allerdings "ganz oben und ganz unten", sagt Stadtführer Jodock. Zum Beispiel, wenn reiche Touristen zum Feiern mit Jazz und Fingerfood in dunklen Limousinen und feinem Tuch in Kreuzberg einschweben, um in so genannten Event-Locations ihre Schau abzuziehen, "dann stoßen Parallelwelten aufeinander, das geht tief". Oder wenn gut vier Dutzend Geiz-ist-Geil-Touristen bei einer der kostenlosen Stadtführungen den Kiez beäugen, der ihnen eigentlich ziemlich schnuppe ist, und verständnislos gucken, wenn ein Radfahrer oder ein Anwohner mal durch will. Die Stadtführer solcher Touren sind allein auf das Trinkgeld angewiesen, das freiwillig gegeben wird. Sie kennen nicht unbedingt die Stimmung auf dem Kiez. Dort ist man über Krach bis spät in die Nacht verärgert.

Noch dazu werden aus bezahlbaren Mietwohnungen einträgliche Ferienwohnungen. Das bringt die auf preiswerten Wohnraum angewiesenen Berliner auf die Palme. Dagegen wettert auch Thomas Lengfelder. Als Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Berlin (Dehoga) sind ihm Ferienwohnungen ein besonderes Ärgernis. Als Beispiel für Zweckentfremdung betrachtet Lengfelder den Gebäudekomplex einer Wohnungsbaugesellschaft nahe dem Brandenburger Tor. Die etwa 900 Wohnungen würden zu einem Drittel als Ferienwohnungen vermietet.

Autor: Birgit Loff