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12. August 2017

Blanke Haut verliert ihre Unschuld

Linken-Politiker Gregor Gysi beklagt den Rückgang der Freikörperkultur / Forscher: Grund hierfür sind die vielen Nackten in den Medien.

  1. Der Hund darf hier Fell tragen: Nackte am FKK-Strand, ein immer seltener werdenden Anblick. Foto: dpa

MERSEBURG (dpa). Es war eine wohlkalkulierte Äußerung, mit der Gregor Gysi von der Linkspartei eine bundesweite Debatte ausgelöst hat. Er bedauere, dass die Freikörperkultur zunehmend aus Ostdeutschland verschwinde, sagte Gysi vor wenigen Tagen dem "Playboy". Doch hat der Politiker überhaupt recht? Ein Wissenschaftler sagt ja – und schuld sei ausgerechnet die ausufernde Präsenz von Nacktheit.

Else Buschheuer hat ein Herz für FKK. Und für Gregor Gysi. Zumindest startet die Schriftstellerin und Journalistin auf Twitter den Versuch, mit dem Schlagwort #nacktfuergysi einen Trend zu starten. Sie selbst geht voran – und postet ein Foto vom Strand, das sie hüllenlos zeigt. Doch kaum ein Nutzer folgt ihrem Beispiel. Damit scheint das Netzwerk einen Beleg für das zu liefern, was Gysi medienwirksam beklagt: Die Freikörperkultur, das Nacktbaden, ist auf dem Rückzug.

Der 69-Jährige bedauert das im Playboy, Fachblatt für vornehmlich weibliche Nacktheit. In der Bild, die Gysi zum "Nacktivisten" erklärt, legt er nach. Die Zeit sei reif, FKK wieder auszudehnen: "Da kann der Westen was vom Osten lernen." Ist die Zeit der Nudisten vorbei?

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"FKK ist sicherlich nicht totzukriegen", sagt Konrad Weller, Professor für Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt. Allerdings gebe es einen Wandel. Er habe in mehreren Studien festgestellt, dass der öffentliche wie auch der familiär-private Umgang mit dem Nacktsein im Osten Deutschlands seit der Wiedervereinigung verhaltener geworden sei. "In den letzten Jahren der DDR hatten 90 Prozent der Jugendlichen FKK-Erfahrungen. Im Jahr 2013 war es nur noch die Hälfte", sagt Weller. Die Vorbehalte seien größer geworden. Vor allem sorge die dauerpräsente mediale Nacktheit dafür, dass die leibhaftige Variante beschämender aufgenommen werde, sagt Weller. Blanke Haut verliere ihre Unschuld. Der Blick sei ein anderer als in der entspannten und breit gelebten FKK-Kultur der DDR. "Die Vorstellung, Nacktheit zu sehen, ohne erregt zu sein, fehlt", sagt der Forscher.

FKK sei eine Frage der Definition, sagt der Präsident des Deutschen Verbands für Freikörperkultur (DFK), Herbert Steffan. "Wenn es um die geht, die bei Gelegenheit mal nackt in den Badesee springen, dann reden wir von Millionen." Und dann gebe es den harten Kern, der Sommer wie Winter die Freikörperkultur pflege. In 135 Vereinen in Deutschland seien knapp 35 000 Fans organisiert. Sie frönten nackt ihren Hobbys – Volleyball, Tischtennis, Saunagängen oder eben Schwimmen – oft auf eigenem Gelände oder Campingplätzen. Und die meisten Vereine gebe es im Westen Deutschlands. FKK, gar keine klassische Ost-Tradition?

Doch, sagt Steffan. Die ersten Vereine für Freikörperkultur seien um 1900 entstanden, in der Zeit des Nationalsozialismus wurden sie aufgelöst. Im geteilten Deutschland sei FKK im Osten frei und überall gelebt worden. Im Westen wurde sie laut Steffan dagegen auf die Vereinsgelände der FKK-Anhänger verbannt. "Bis heute fassen wir im Osten kaum Fuß, weil die Menschen sagen: Warum soll ich eintreten? FKK kann ich überall machen."

Zum Beispiel im Heidebad am Rande von Halle. Badbetreiber Matthias Nobel nennt die Nacktbader seine treusten Gäste. "Auf die kann man zählen, die kommen auch, wenn es ein bisschen regnet." Ein Drittel seiner Badegäste sei textilfrei unterwegs. Die Vorsitzende des Vereins für Körperkultur Berlin Südwest, Karin Siebert, konstatiert dagegen abnehmendes Interesse – und größere Vorsicht. "Früher kamen die Menschen nackt auf die Wiese, heute kommen sie angezogen – und ziehen sich dann zögerlich aus."

Sexualwissenschaftler Weller sagt, es gebe einen sensibleren Umgang mit Nacktheit, auch wegen des allgegenwärtigen Filmens und Fotografierens. Auf Twitter entpuppte sich schließlich auch Gysi selbst als zurückhaltender Kämpfer für das Nacktbaden – zumindest nach Darstellung von Else Buschheuer. Sie hatte ihn aufgefordert, sich an ihrer Aktion #nacktfuergysi zu beteiligen. Einige Stunden später veröffentlichte sie dann eine Aufnahme einer an sie gesendeten Nachricht: "Liebe Else, auf dem Bild bist du ja kaum zu erkennen. Das ist ja Schummel. Ich mache es erst, wenn es auch Angela Merkel macht. Liebe Grüße Gregor."

Autor: dpa