Meereswelt

Der Aal ist vom Aussterben bedroht

Wyona Schütte

Von Wyona Schütte (dpa)

Mi, 12. September 2018 um 20:00 Uhr

Panorama

Als fetter Räucherfisch erfreut sich der Aal großer Beliebtheit. Doch Experten sind besorgt, weil der Bestand seit Jahren schwindet. Sie fordern Fangverbote.

Es riecht nach Fisch in der kühlen Halle. In den Becken schwimmen Karpfen und Flussbarsche. Reinhold Hanel, Leiter des Thünen-Instituts für Fischereiökologie in Bremerhaven, interessiert sich aber für einen Aal, der in einem dicken, wassergefüllten Rohr schwimmt. Träge bewegt er sich mit der Strömung, deren Stärke die Forscher an einem Monitor einstellen. Sie wollen herausfinden, wie sich das Tier auf der langen Reise zu seinen Laichgründen in der Sargassosee im West-Atlantik verhält. Und so Antworten finden, warum der Bestand des Europäischen Aals in den vergangenen Jahren drastisch gesunken ist.


"Wirtschaftliche Aspekte stehen vor Tierschutzaspekten." Stefanie Sudhaus, Meeresschutzreferentin
"Mittlerweile kommen in Europa nur noch etwa fünf Prozent der Jungaale an, die in den 70er Jahren gezählt wurden", sagt Hanel. Genaue Bestandszahlen sind nicht bekannt. Die Laichwege des Aals seien zu komplex, um sie vollständig nachzeichnen zu können. So ist es unklar, wie die Aallarven ihre tausende Kilometer lange Reise von den Laichgründen in der Sargassosee bewältigen: Jedes Exemplar, das in Deutschland gefangen wird und auf dem Teller landet, stammt aus einem Gebiet südöstlich von Bermuda. "Es gibt wenige Fischarten, die so große Wanderungen unternehmen", sagt Hanel. Mehr als 16 000 Kilometer schwimmen viele Aale in ihrem Leben. Dabei wandern sie auf dem Weg in die europäischen Flussgebiete vom Salz- ins Süßwasser und später zurück ins Meer.

Ursachen fürs Aalsterben sind vielfältig

Vermutlich findet man auf diesem langen Weg die Ursachen für den Einbruch des Bestandes. Mittlerweile ist die Art vom Aussterben bedroht. "Die Ursachen sind komplex", sagt Hanel. Klimaveränderungen, Schadstoffe, eingeschleppte Parasiten und die Turbinen von Wasserkraftwerken seien Gründe fürs Aalsterben. Bereits im Jahr 2017 beschloss die EU, dass jeder Mitgliedstaat Managementpläne für seine Bestände entwickeln muss. Für deutsche Fischer hat sich seither viel verändert: "Beim Aalfang gibt es jetzt mehr Bürokratie als bei anderen Fischarten", sagt der Sprecher des Deutschen Fischereiverbandes, Claus Ubl. Jeder Aalfischer müsse gelistet sein und seine Fangmengen dokumentieren. In der Folge wurden tatsächlich weniger Aale gefischt. Aus 769 Tonnen im Jahr 2007 wurden 463 Tonnen im Jahr 2016. Dennoch ist der Bestand nach Einschätzung des Thünen-Instituts weiter zu niedrig.

Umweltschützer kritisieren EU-Pläne

Vergangenes Jahr schlug die EU ein Aalfang-Verbot für die Ost- und Nordsee sowie den Atlantik vor. Manche Länder wie Irland haben bereits Fangverbote erlassen, andere Länder wie Deutschland nicht. Geeinigt hat man sich auf einen Kompromiss: Statt eines generellen Verbots beschlossen die Minister eine dreimonatige Schonzeit, die jedes Land individuell zwischen Ende September und Ende Januar legen darf. Umweltschützer kritisieren das. "Der Aalfang sollte ein paar Jahre komplett eingefroren werden, damit sich der Bestand erholen kann", sagt Stefanie Sudhaus, Meeresschutz-Referentin vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Sie hat kein Verständnis dafür, dass die Staaten die Schonzeit selbst festlegen dürfen. Deutschland will ihr zufolge den Aalfang zwischen November und Januar einstellen, in einem Zeitraum, in dem nur wenige Aale abwanderten. "Wirtschaftliche Aspekte stehen vor Tierschutzaspekten", sagt Sudhaus.

Bei Verbrauchern ist Aal als Speisefisch nach wie vor beliebt. Wolfgang Hartmann verkauft in Bremerhaven seit fast zehn Jahren Räucherfisch, darunter auch Aal. "Die Nachfrage ist hoch", sagt er. Pro Tag gehen rund zehn Kilogramm Räucheraal über seinen Tresen. Seine Fische stammen aber nicht aus dem Meer, sondern aus der Zucht. "Wobei Zucht nicht ganz richtig ist", sagt Hartmann. Bisher sei es nämlich nicht möglich, Aal-Larven aufzuziehen. Es mangle am passenden Futter, die Larven verhungerten nach einiger Zeit. Für die Aufzucht werden Jungtiere gefischt, wenn sie nach ihrer Reise durch den Atlantik die europäische Küste erreichen.

Illegaler Handel blüht

Zudem werden jährlich Tausende zuvor an der europäischen Küste gefangene Jungfische in deutschen Flüssen ausgesetzt, um die Managementpläne der EU zu erfüllen. Allein in der Elbe waren es seit 2006 mehr als zwei Millionen Tiere. Allerdings stirbt ein Großteil der Jungtiere dabei. Ein weiteres Problem ist der illegale Handel mit Aal: Strafverfolgungsbehörden gingen im März davon aus, dass in der laufenden Fangsaison mindestens 110 Millionen Tiere von Europa nach Asien exportiert wurden – obwohl der Export seit 2010 verboten ist.

Wie sieht die Zukunft des Aals aus? "Das ist im Moment schwer zu sagen", sagt Hanel. Er empfiehlt, auf den Aal als Speisefisch zu verzichten. "Die Sterblichkeit des Aals muss reduziert werden. Es wäre wichtig, den Wildbestand zu entlasten." Vielleicht könne sich die Population dann erholen – und die Forscher hätten mehr Zeit, die Ursache für das Verschwinden des Aals zu klären.