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03. Februar 2010

Fantasyautor Terry Pratchett für Sterbehilfe

Fantasy-Erfolgsautor Sir Terry Pratchett hat eine schwere Form von Alzheimer und kämpft für das Recht auf Sterbehilfe

  1. „Wenn ich wüsste, dass ich sterben könnte, würde ich wirklich leben“, sagt der Autor Terry Pratchett. Foto: dpa

LONDON. Die Regierung ist dagegen. Die Opposition ist dagegen. Das Parlament ist dagegen und der Ärzteverband sowieso. Aber das beeindruckt Sir Terry Pratchett wenig. Der englische Autor, Verfasser Dutzender rund um die Welt gelesener Fantasyromane, hält Sterbehilfe für ein Menschenrecht. Der an Alzheimer erkrankte Autor fordert die Einrichtung von Gerichten, die über eine Sterbehilfe durch nahe Verwandte entscheiden sollen. Und er hat sich selbst als Testobjekt angeboten.

Seine Idee präsentierte Pratchett anlässlich der sogenannten Dimbleby-Vorlesung, die die BBC zu Ehren eines ihrer meistgeschätzten früheren Journalisten alljährlich abhält. Selbst vortragen konnte Pratchett seine Rede nicht – jedenfalls nicht über die Eingangsworte hinaus, da ihm Lesen und Sprechen zunehmend schwerfallen. Der 61-Jährige leidet seit zwei Jahren an einer ungewöhnlichen Form von Alzheimer, die mit dem rückwärtigen Teil des Gehirns nach und nach Sehkraft und Motorik des Erkrankten außer Gefecht setzt.

Pratchett weiß, wie es um ihn steht. Wenn alles zu schlimm wird, will er die Freiheit haben, sein Ende selbst bestimmen zu können. Bis dahin hat er erst einmal die Schirmherrschaft einer britischen Gesellschaft zur Alzheimer-Forschung übernommen, und in die Forschungsarbeit aus seinen Bucheinnahmen eine halbe Million Pfund gesteckt. "Wenn ich nur wüsste", meint er, "dass ich zu einem von mir gewählten Zeitpunkt sterben könnte, dann wäre plötzlich jeder Tag eine Million Pfund wert. Wenn ich wüsste, dass ich sterben könnte, würde ich wirklich leben." Nicht alle seiner Landsleute teilen Pratchetts Hoffnung auf legalisierte Sterbehilfe. Auch viele derer, die Bedenken haben, können sich aber einer stillen Bewunderung für diesen zutiefst humanen Schöpfer alternativer Welten nicht erwehren.

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Seit Pratchett Anfang der 80er Jahre als Pressesprecher der Staatlichen Britischen Elektrizitätsbetriebe nebenher zu schreiben und seine fiktive Scheibenwelt zu entwickeln begann (die von vier Elefanten getragen wird, die auf dem Panzer einer Riesenschildkröte stehen), hat ihm seine unerschöpfliche Fantasie, seine humorvolle Verkehrung der Realitäten eine begeisterte internationale Leserschaft eingetragen. 60 Millionen Bücher, in drei Dutzend Sprachen übersetzt, haben seinen Namen neben dem J. K. Rowlings zum bekanntesten der neueren Jugendliteratur aus Großbritannien gemacht.

Und wie eine seiner Romanfiguren saß er denn auch da diese Woche bei der BBC, ein langbärtiges Männlein unter schwarzem Magierhut, mit einem wehmütigen Lächeln um die Augen, und hörte sich die eigene Rede an, die ein Schauspieler für ihn verlas: "Um ein gutes und reiches Leben sollten wir uns bemühen, das gut gelebt ist, und an dessen Ende wir in unserem Zuhause, im Kreise derer, die uns lieben, einen Tod haben können, den es zu sterben wert ist." Starker Resonanz auf seine Worte konnte er sich zu diesem Zeitpunkt sicher sein.

Vor wenigen Tagen erst ist in England eine Mutter, die ihrer seit 17 Jahren weitgehend gelähmten Tochter deren Wunsch aufs Sterben erfüllte, von der Anklage versuchten Mordes freigesprochen worden. Der Richter pries die Geschworenen für deren "Vernunft, Anstand und Menschlichkeit". Eine Woche zuvor hatte eine andere Mutter als Mörderin neun Jahre Haft erhalten, weil sie ihrem gehirngeschädigten Sohn eine tödliche Injektion verabreicht hatte. Der Kontrast der beiden Urteile hatte den Streit um Sterbehilfe auf der Insel aufs Heftigste neu angefacht.

Sir Terry Pratchett jedenfalls hat sich nun also nachdrücklich auf die Seite der Befürworter geschlagen. Schon in seinen Büchern ist der Tod ja immer eine wiewohl unerbittliche, so doch keineswegs unfreundliche Figur gewesen. Bezeichnenderweise erinnert sich Pratchett noch heute daran, wie sehr es ihn als Kind beeindruckt hatte, in Ingmar Bergmans "Siebtem Siegel" Tod und Ritter Schach spielen zu sehen. Seit der kranke Erfolgsautor selbst vor einem Jahr für seine Verdienste von Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagen wurde, hat er seine eigenen Schachzüge entwickelt – nicht um einem harschen Schicksal zu entgehen, sondern um dessen Verlauf so gut wie möglich mitzuentscheiden.  

Autor: Peter Nonnenmacher