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11. September 2010

Der Tod kam aus dem Abfalleimer

Trauriger Jahrestag: Vor 30 Jahren tötete die Bombe eines Donaueschingers 13 Wiesn-Besucher. Bis heute ist der Fall nicht restlos geklärt.

  1. Abtransport der Opfer nach dem Anschlag vom 26. September 1980 Foto: DDP

Die Bombe explodiert am 26. September 1980 um 22.19 Uhr in einem Abfalleimer. Der riesige rote Feuerball, die Druckwelle und Metallsplitter töten 13 und verletzen mehr als 200 "Wies’n"-Besucher, 68 davon schwer, etliche sind für ihr Leben gezeichnet. Die mit 1,39 Kilo Sprengstoff gefüllte britische Mörsergranate, Kaliber 107, steckte in einem mit Schrauben und Nägeln bestückten Feuerlöscher. Viele leiden noch lange unter dem Trauma, eben noch fröhlich gefeiert und sich nur einen Augenblick später in einem Schlachtfeld von Toten und Sterbenden wiedergefunden zu haben. Zwischen abgerissenen Armen und Beinen und unter Opfern mit brennenden Haaren, die in Blutlachen um Hilfe stöhnen. Ärzte operieren bis zur Erschöpfung. "Kriegschirurgie" nennt das tags darauf ein Oberarzt der Klinik Harlaching.

Nahe am Abfalleimer liegt eine zerfetzte Leiche. Für die Ermittler steht früh fest, dass der Mann nicht nur Opfer ist, sondern dass er auch derjenige sein muss, der die Höllenmaschine gezündet hat: der 21-jährige Geologiestudent Gundolf Köhler aus Donaueschingen. Dort gilt er als introvertierter, aber geltungssüchtiger Einzelgänger. Schon als Schüler hat er mit Chemikalien experimentiert, wurde er von einer Explosion verletzt. Er robbt mit der neonazistischen "Wehrsportgruppe" Hoffmann durchs Gelände und sympathisiert mit dem rechtsextremen "Hochschulring Tübinger Studenten".

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Die Bombe explodiert eine Woche vor der Bundestagswahl, CSU-Chef Franz Josef Strauß will endlich Kanzler werden. Spekulieren der oder die Attentäter, ein Massaker wie dieses würde – RAF-Topterrorist Christian Klar ist schließlich immer noch nicht gefasst – der linken Szene angelastet und Strauß damit an die Macht gebombt? Tatsächlich instrumentalisiert der wahlkämpfende CDU/CSU-Kanzlerkandidat den Anschlag sofort. Er beschimpft Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) als "Skandalfigur", weil der gegen Linke viel zu lasch vorgehe. Der Stern nennt den Bayern darauf einen "politischen Leichenfledderer". Kanzler wird Strauß jedenfalls nicht.

Denn als die Ermittler auf Köhlers rechtsextremen Hintergrund stoßen, gerät die CSU selbst unter Druck, die in Bayern agierende "Wehrsportgruppe" Hoffmann 16 Jahre lang lasch geduldet zu haben. Nun reduzieren die Unionschristen Gundolf Köhler plötzlich zum "Einzeltäter".

Doch diese These bezweifeln die Buchautoren Ulrich Chaussy, Tobias von Heymann und Wolfgang Schorlau entschieden. Nicht nur sie argwöhnen, München habe den möglicherweise rechtsextremen Hintergrund der Tat aus politischen Gründen viel zu wenig ausgeleuchtet. Auch die Ermittler favorisieren fortan die Einzeltäter-Hypothese, obwohl Festbesucher berichten, sie hätten Köhler schon eine halbe Stunde vor der Explosion in Tatortnähe gesehen, hektisch mit anderen diskutierend. Dass sich von denen keiner als Zeuge meldet, verstärkt den Verdacht, es könnten Mittäter gewesen sein. Eine Frau will überdies gehört haben, wie ein Mann kurz nach der Explosion entsetzt rief: "Ich wollt's nicht, ich kann nichts dafür, bringt's mich um."

Material- und Bearbeitungsspuren aus Köhlers Keller passen laut Generalbundesanwalt Kurt Rebmann zu den am Tatort gesicherten oder den Opfern herausoperierten Stahlfetzen der Bombe. Er attestiert Köhler "abnorme Persönlichkeitsstruktur, Realitätsverlust und Hass" und zweifelt nicht daran, dass die Indizien ausgereicht hätten, den Studenten zu verurteilen. So wird die Soko 1981 aufgelöst; die Ermittlungen werden 1982 eingestellt, die Asservate 1997 vernichtet. Alle Versuche von Politikern und Anwälten, die Ermittlungen wieder aufzunehmen, scheitern seither am Nein der Staatsanwälte.

Wer – wie der Verfasser – Gundolf Köhler persönlich kannte, wird für den verunsichert und stets misstrauisch wirkenden, immer wieder mal patzigen jungen Mann kaum viel Sympathie empfunden haben. Dennoch wird sich jeder schwer tun mit dem Gedanken, dass der 21-Jährige diesen folgenreichsten Anschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte allein verübt haben soll. Seine Eltern kämpften jedenfalls verzweifelt gegen die "Vorverurteilung in den Medien", auch für Gundolf Köhler müsse die Unschuldsvermutung gelten. Denn für die Familie stand immer nur eines zweifelsfrei fest: dass ihr Sohn und Bruder bei diesem Anschlag ums Leben gekommen ist.

Autor: Gerhard Kiefer