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17. Oktober 2009 01:44 Uhr
Dokumentarfilm
Die Bucht der Delfinkiller
Bald kommt "Die Bucht" auch in europäische Kinos. In Japan hat die dokumentarische Anklage gegen den jährlichen Massenmord an Delfinen nicht nur hohe Wellen geschlagen.
Wer nicht weiß, was abläuft, könnte den Anblick zunächst für pure Naturromantik halten. An den malerischen Klippen im Nordwesten des Stillen Ozeans sammeln sich alljährlich im Herbst Zehntausende Delfine. Touristenboote kreuzen dann durch die flachen Lagunen von Taiji, einer 700 Kilometer südlich von Tokio gelegenen Region.
Aber nur wenige Schaulustige bekommen mit, dass die riesigen Schwärme von Delfinen durch Fischer regelrecht zusammengetrieben werden. Fänger waten in Neoprenanzügen durch das flache Gewässer des Nationalparks der Halbinsel Kii, tauchen und schwimmen neben den verängstigten Tieren und treffen schließlich ihre Wahl. Sorgfältig ausgesucht werden besonders schöne Kleinwale, die in Aquarien der Welt Kinderherzen höher schlagen lassen können. Insider vermuten, dass japanische Dealer neuerdings bis zu 150 000 Euro für einen prächtigen "Flipper" von den Betreibern der Delfinarien erhalten.
Der fast unersättliche Bedarf von Zoologischen Gärten und Aquarien ist als finanzieller Reiz der erste Antrieb für die Fänger von Taiji, aber leider nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Denn wer bei den Delfinmaklern "durchs Netz fällt", wird von den professionellen Schlächtern erledigt. Ganze Schwärme werden dreimal pro Woche in eine abgelegene, hermetisch geschützte Bucht getrieben und dort massenweise abgeschlachtet. Die Fängerarmada legt dabei durch lautes Schlagen mit Metallstangen auf das Wasser den natürlichen Orientierungssinn der Fische lahm.
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Netze hindern sie zudem daran, das rettende offene Meer wieder zu erreichen. Tierschützer schätzen, dass zwischen 1500 und 2000 Tiere jedes Jahr mit Lanzen, Haken und Messern kommerziell getötet werden. Manchen wird die Kehle aufgeschlitzt bis sie verbluten. Besatzungen von Frachtschiffen wundern sich oft über Ströme von Blut, die das Meer in kilometerlangen Streifen tiefrot färben.
Die Menschen von Taiji tragen dabei so etwas wie eine Kollektivschuld. Nach offiziellen Angaben erhalten rund zwei Dutzend Fischerfamilien der 3500 Einwohner zählenden Gemeinde eine der lukrativen Lizenzen zum Töten von Delfinen. Aber der gesamte Ort verdient daran. Ein Fischrestaurant reiht sich an das andere und alle bieten öffentlich Wal- und Delfinfleisch an. Alle wissen, das ist zwar legal, aber nicht rechtens.
Auch deshalb ist das Delfinmassaker strikte Geheimsache, Fotografieren und Filmen bei Strafe verboten. Augenzeugen gab es bislang so gut wie keine. Die Fischer riegelten den Zugang zur Bucht mit Wachen so hermetisch ab wie einen Hochsicherheitstrakt. Der Platz ist nur von einem felsigen Plateau einzusehen, zur Jagdzeit im Herbst versperren riesige Zeltplanen jede Sicht. Was dort geschieht, sollte streng gehütetes Geheimnis der Fischfänger von Taji bleiben. "Wenn rauskommt, was wir hier treiben, können wir einpacken", sagt einer von ihnen.
Der amerikanische Tieraktivist Ric O’Barry und der Umweltschutz-Fotograf Louie Psihoyos haben das Tabu dennoch gebrochen und das Gemetzel in der Bucht brutal realistisch gefilmt. Sie haben ein Team aus Extremtauchern, Kletterern und Hollywood-Effektkünstlern zusammengestellt, denen Aufnahmen gelungen sind, die oft zu brutal scheinen, als dass sie einem normalen Kinopublikum zuzumuten wären. "Nur so kann ein Sturm der Empörung ausgelöst werden, der zum Boykott der Delfinarien in aller Welt führt", wie Psihoyos glaubt. Beide Filmemacher ergänzen sich perfekt. Der Fotograf ist in der Umweltszene von Hollywood gut vernetzt. Netscape-Mitbegründer und Milliardär James Clark unterstützt seine Projekte. Und O’Barry hat die Filmdetektive mit Sachkenntnis geführt. Der 70-Jährige drillte in den 60er und 70er Jahren Delfine zur Filmtauglichkeit als "Flipper"-Akteure. Als sein Lieblingsexemplar starb, konvertierte er zum Tierschützer. In Taiji ist er einer der meistgehassten Menschen, steht unter Morddrohungen und kann nur extrem gut getarnt in dieser Gegend auftauchen.
Eigentlich wollte das offizielle Japan den Umweltthriller totschweigen. Das von der Regierung mitfinanzierte Tokio-Filmfestival lehnte "Die Bucht" zunächst als künstlerisch mangelhaft ab. Erst als mit dem Wahlsieg der Demokratischen Partei im Frühherbst eine politische Wende eingeleitet wurde, drehte sich die Meinung. Nun wurde das Festival unter das Motto Umweltschutz gestellt – und der Film wird gezeigt.
In Taiji wurde für 2009 nun heimlich ein Tötungsverbot erlassen. Bisher wurden nur 100 Tümmler gefangen, 70 davon aber wieder ins Meer entlassen, weil sie wohl nicht schön genug waren für die Shows vor staunenden und unwissenden Kindern. Ihnen blieb das Schicksal ihrer Artgenossen aus früheren Jahren erspart. Ob der Film jedoch eine Langzeitwirkung erreichen wird, ist fraglich. Auch im modernen japanischen Volksbewusstsein gilt die Delfinjagd eher als 400 Jahre alte Tradition denn als moralischer Frevel. Wie auch das Fleisch der größeren Wale landen Delfine "als unverzichtbarer Bestandteil der nationalen Küchentradition" in japanischen Kochtöpfen. Da hilft es nur wenig, wenn Umweltaktivisten nachweisen können, dass die Verschmutzung der Meere das Delfinfleisch quecksilberverseucht hat. Und auch wenn nur wenige Japaner bewusst dazu greifen: Es ist zu vermuten, dass Delfin noch immer weitgehend ungeprüft in Essen für Alte, Krankenhauspatienten und Schüler verarbeitet wird. Auch im Tierfutter taucht es immer wieder auf.
Autor: Angela Köhler
