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18. April 2009
Die letzte Begleiterin
Gundi Berger schreibt über ihre Erlebnisse mit Sterbenden – unprätentiös, ohne Rührseligkeit, nüchtern und direkt. Ein Porträt / Von Mechthild Blum
Das Haus steht auf der Anhöhe in idyllischer Landschaft. Hier wohnt sie, die seit sieben Jahren mit Chemotherapien und Bestrahlungen um ihr Leben kämpft. 60 Jahre erst ist sie alt. Doch der Blutkrebs hat sie im Griff. Eine Stammzellentherapie hatte ihr drei statt der erhofften zehn bis zwölf Jahre beschert. Eine gute Zeit immerhin. "Was man halt so gut nennt, im Vergleich zu vorher", sagt sie. Und ihr Mann ergänzt: "Mal einen Stadtbummel machen, einen Kaffee trinken gehen. Das liebt sie sehr." Das und die Nähe von Gundi Berger.
Die 70-jährige Hospizbegleiterin kennt die Kranke aus der Zeit, als ihr der Priester schon die letzte Ölung gegeben hatte, das Sterbesakrament der katholischen Kirche. Auch heute ist sie die mehr als fünfzig Kilometer von Freiburg in das Dorf gefahren, um mit ihr ein paar Stunden des Nachmittags zu verbringen. "Ohne Frau Berger hätte ich damals die Wochen in der Tumorbiologie nicht überstanden", sagt die schwerkranke, todgeweihte Frau.
Gundi Berger hat viele Schwerkranke und Sterbende erlebt. Die ehemalige Kindergärtnerin macht kein Aufhebens davon. Ihr eigener Mann, mit dem sie mehr als fünfzig Jahre zusammenlebte, ist erst kürzlich gestorben. "Sterben ist normal", sagt sie. "Und er hatte einen schönen Tod. Er ist ganz friedlich eingeschlafen. Das macht mich eigentlich richtig froh, auch wenn ich ihn vermisse."
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Mit zwanzig hat die damals große Blonde mit den blauen Augen ihn in Freiburg kennen und lieben gelernt. Nach der Hochzeit mit dem Chilenen, der in Deutschland studiert hatte, folgte sie ihm nach Venezuela, wo er die nächsten Jahre arbeiten sollte. Ganz so hatte sie sich ihr Leben damals nicht vorgestellt: Ohne Sprachkenntnisse, allein in einem Haus und sehr bald auch mit drei Kindern fest angebunden, in einem fremden Land leben zu sollen, das fiel ihr anfangs doch sehr schwer.
Geholfen hat ihr der deutsche Freundeskreis, den sie dort fand. Richtig Spanisch hat sie deswegen auch nicht gelernt, anders als ihre Kinder – eine Tochter lebt heute auch in Lateinamerika. Das Heimweh plagte sie dennoch in einer Zeit, da ein Telefonat nach Deutschland noch Unsummen kostete und Reisen kaum bezahlbar waren. Fern von Eltern, Geschwistern und den Freunden in Freiburg musste sie sich in einer fremden Welt durchschlagen, die ihr auch landschaftlich zunächst verschlossen blieb – aus Angst vor Überfällen und Einbrüchen und vor Skorpionen, Schlangen und Ratten. Die Schönheit der Umgebung von Caracas, die Anden, das Meer, die Koralleninseln – das alles konnte sie damals nicht trösten. Einmal wieder auf dem Feldberg stehen, davon träumte sie. Einmal wieder durch fette, grüne Wiesen stapfen und auf Berge kraxeln, um die Welt von oben zu genießen. Jeder Rosenduft erinnerte sie an den heimischen Garten und trieb ihr Tränen in die Augen. Doch ganze 18 Jahre dauerte es, bis sie ihre Heimat wiedersehen sollte. In Horben bei Freiburg fand das Paar ein neues Domizil.
Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, wollte Gundi Berger nicht ohne Aufgabe bleiben. Auch ihr Mann ermunterte sie, etwas zu finden, bei dem sie ihre Offenheit und Kontaktfreude nutzen könnte. Keine Erwerbsarbeit sollte es sein, ehrenamtlich. "Für die Telefonseelsorge taugte ich nicht", sagt Gundi Berger. Wenn sie Menschen nicht unmittelbar vor sich hat, fällt ihr der Zugang zu ihnen nicht so leicht. Anders als bei der ambulanten Hospizarbeit.
Ihre Erlebnisse als Hospizbegleiterin in der Freiburger Tumorbiologie von 1994 bis 2008 – dort suchen Menschen aus ganz Deutschland Heilung, fern von Verwandten und Freunden – hat Gundi Berger aufgeschrieben. Sie tat das zunächst für die Supervisionsgruppe, die zu dieser Arbeit gehört, um neu Hinzugekommene auf die Situationen, denen sie begegnen könnten, vorzubereiten. Nun ist daraus ein Buch entstanden, das vor kurzem im Freiburger Poppen & Ortmann-Verlag erschienen ist.
In außerordentlich unprätentiösem Stil, ohne jegliches Pathos, ohne Mitleidigkeit, nüchtern einfach und direkt schildert Gundi Berger in kürzeren und längeren Episoden, wie unterschiedlich die Bedürfnisse von Menschen sind, wenn sie wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben. Und wie Hospizbegleiterinnen ihnen dabei helfen können. Ein Buch, von dem sich auch Jüngere wünschen, dass es von vielen ihres Alters gelesen würde, bevor Großeltern, Eltern, Freunde oder Verwandte auf dem Sterbebett liegen, wie Gundi Berger aus Briefen erfahren hat. Denn kaum jemand weiß, was dann wirklich hilft.
Das wollen auch die etwa sechzig Männer und Frauen wissen, die sich im Gemeindesaal der Freiburger Auferstehungskirche den Vortrag von Gundi Berger anhören. Da steht die über 1,80 Meter große schlanke Frau, das mittlerweile weiße Haar lockig-locker auf dem Hinterkopf gebunden, in schmalen langen Hosen und Jackett. Sie ist es nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit zu reden. Doch jetzt, wo ihr Buch auf dem Markt ist, wollen die Menschen diese Frau unbedingt kennenlernen.
Viele Notizzettel liegen vor ihr auf dem Tisch. Zum Hinsetzen aber ist sie noch zu nervös. Sie hat so viel zu erzählen und weiß nicht, wo anfangen. Also spricht sie von der Hospizarbeit im Allgemeinen, schildert, wie die Tage und Wochen vor dem Tod eines Menschen für alle Beteiligten mit großen Belastungen verbunden sind. Da sei es wichtigste Aufgabe, Lebenshilfe in der letzten Zeit des Daseins zu leisten. Das betont Gundi Berger immer wieder: Lebenshilfe. Das gilt auch für die Angehörigen. Ihre achtjährige Enkelin zum Beispiel hat, als der Großvater gestorben war, nach einem Lied gesucht, in dem der Tod vorkommt. Es fiel ihr das Kinderlied ein vom Mops, der dem Koch ein Ei stahl, der ihn daraufhin totschlug, um dann mit Inbrunst zu singen: "Da kamen viele Möpse und gruben ihm ein Grab." Nein, nicht despektierlich findet Gundi Berger das. Die Enkelin, die früher so oft mit dem Opa Kinderlieder sang, habe ihm damit ein Geschenk gemacht, das aus dem gemeinsamen Leben beider stamme und eine frohe Erinnerung daran zurücklasse.
Auch mit den Sterbenden spricht Gundi Berger kaum über die Krankheiten, die meisten wollen nicht darüber sprechen in dieser Phase – auch wenn menschenwürdiges Sterben selbstverständlich immer bedeutet, dass belastende Krankheitssymptome auf das Beste behandelt werden, durch perfekte Pflege und Schmerzlinderung. Sterbende brauchen aber auch Begleitung, Beistand und Achtsamkeit – einer der wichtigsten Begriffe von Gundi Berger – um den natürlichen Prozess des Sterbens als Teil des Lebens zu sehen, eines Lebens, das auch schön und lustig war. "Sie glauben gar nicht, wie oft wir zusammen lachen", sagt sie. "Wir wollen den Tod nicht bagatellisieren, ihn aber auch nicht ständig thematisieren. Ihn weder aktiv herbeiführen, noch hinauszögern."
Um aktive Sterbehilfe ist Gundi Berger noch nie gebeten worden. Befände sich aber ein ihr nahe stehender todkranker Mensch in einer Lage unerträglichen Leidens, verzweifelter Angst und entsetzlichen Grauens, würde sie diesen Schritt vielleicht tun: "Aus einer großen Liebe und Verbundenheit heraus", sagt Gundi Berger. "Wie ich diese Verantwortung emotional ertragen würde, bleibt offen. Da tauchen Gedanken über Raum und Zeit, über Sinn und Glauben, über Leben und Tod auf – unendlich viele Fragen, auf die ich keine Antwort weiß."
Freiwillige, ehrenamtliche Begleiter der ambulanten Hospizgruppen wie Gundi Berger besuchen die Schwerkranken und ihre Angehörigen zu Hause, in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen. Auch um Angehörige zu entlasten und zu unterstützen. Das heißt für die Helfer oft kurzfristig und zu wechselnden Tageszeiten einsatzbereit zu sein. In Seminaren werden sie auf ihre Aufgabe vorbereitet, ihre Arbeit wird durch Gruppensupervision, Gespräche, Fortbildungen und Mitgliederveranstaltungen unterstützt.
"Die Hospizarbeit", so ein Leitsatz der Freiburger Hospizgruppe, "sieht sich dem Menschen verpflichtet und baut auf den Grundwerten des Christentums auf. Dabei steht allerdings die weltanschauliche Überzeugung der Sterbenden im Vordergrund. Die eigene Religiosität wird gegenüber den Sterbenden auf keinen Fall aufgedrängt."
Was aber, wenn jemand vollkommen apathisch oder ohne sprechen zu können allein zu Hause liegt? Wenn zwar der Pflegedienst dreimal am Tag vorbeikommt, um die notwendigsten Arbeiten zu verrichten, aber keine Angehörigen oder Freunde gefragt werden können? Wenn man nicht weiß, wie dieser Mensch gelebt hat, was er dachte, was er will?
Gundi Berger sah sich schon einmal in einem solchen Fall ratlos. Der Pfleger hatte sie in der Wohnung der Frau, die sie besuchte, kurz begrüßt und gebeten, falls diese sterbe, den Todeszeitpunkt auf den Anrufbeantworter der Sozialstation zu sprechen. Vor morgen früh, acht Uhr, komme sowieso niemand mehr hierher. Allein mit der Sterbenden, begann sie, die vielen Bücher über gesundes Leben und Ernährung, über Heilige, Wüstenväter, Buddhismus und andere Religionen zu inspizieren, Fotografien und Gemälde zu betrachten, die Engelsgestalten, die überall als Bilder, Anhänger, kleine Skulpturen zu finden waren, um sich ein Bild von dem Menschen, der da im Bett lag, zu machen. Und sie begann der stummen Patientin vorzulesen und einige Kirchenlieder zu singen.
Drei Tage später besucht sie sie erneut. "Nun bin ich also wieder alleine mit dieser im Sterben liegenden Frau", schreibt sie, "eine ganz sonderbare Ergriffenheit bemächtigt sich meiner. Ihr Atem wird langsamer, die Hautfarbe grauer, die Zeit verstreicht. Ich singe noch mal leise zwei Kirchenlieder und da fällt mir ein, ,Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘ zu singen. Bei einem Sterbeseminar hat uns ein Leiter gesagt, dieses Lied sei am Sterbebett geeignet. Und nun geschieht ein Wunder! Diese Frau, die die ganze Zeit unbeweglich dalag, den Unterkiefer abgeklappt, die Augen starr, bewegt – ich möchte fast sagen lautstark – ihren Unterkiefer, als wollte sie mitsingen. Ich bin zutiefst erschüttert! Wenige Augenblicke später stirbt sie."
Gundi Berger bleibt lange, über eine Stunde, bei ihr, bevor sie nach Hause geht. Abschließend schreibt sie: "Diese Frau hatte keinerlei Freunde oder Angehörige, die Sozialstation wird den Haushalt auflösen, all die liebevollen und mühsam gesammelten Dinge, was wird damit geschehen? Müllcontainer! Entsorgt! Hier höre ich lieber auf zu denken." Der letzte Satz dieses Erlebnisses gab denn auch Gundi Bergers Buch seinen Namen.
Buchtipp: Gundi Berger, "Hier höre ich lieber auf zu denken", Freiburg 2009, 85 Seiten, 9,80 Euro
Autor: Mechthild Blum
