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04. März 2009

Die Obamasierung des Lebens

Der US-Präsident hat einen frischen Stil ins Weiße Haus gebracht / Fast jeden Abend eine Party

  1. Stevie Wonder (links) und Barack Obama im Weißen Haus Foto: AFP

WASHINGTON. "Wäre ich nicht damals schon Stevie-Wonder-Fan gewesen", sagt Barack Obama, "hätte sich Michelle erst gar nicht mit mir eingelassen." Und die First Lady fügt hinzu, dass sie und ihr Mann später auch ein Lied von Wonder als Hochzeitsmusik ausgesucht haben: "You and I". Dabei schauen sich der Präsident und die First Lady noch einmal verliebt in die Augen, und im East Room des Weißen Hauses, wo sonst Weltpolitik debattiert wird, hört man Seufzer der Rührung. Und dann singt – na wer wohl? – Stevie Wonder selbst, den Obama mal eben für ein Hauskonzert eingeladen hat.

Sechs Wochen nach Amtsantritt gewöhnt sich Amerika langsam an einen neuen Präsidenten, eine neue First Family und einen radikal anderen Stil im Weißen Haus: Der Präsident als ernster, aber jugendlich-dynamischer Krisenmanager, die First Lady als Stilikone, die Obama-Kinder als schnuckelige Gören, Obamas Schwiegermutter als Oma der Nation – jenseits der Politik steht das Weiße Haus auf eine ganz neue Art im Blickpunkt. Und Obama weiß das Interesse für seine Politik zu nutzen: "Wir betreiben die Obamasierung der Dinge", sagt Desiree Rogers, die für den Präsidenten die gesellschaftlichen Veranstaltungen im Weißen Haus plant, und sie meint das nicht etwa ironisch, sondern ganz im Ernst. "Obamasierung" soll so viel heißen wie: Jedem Ereignis, jedem Auftritt ein genau geplantes Marken-Image zu verpassen.

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Auch das Stevie-Wonder-Konzert ist in diesem Sinne nur vordergründig eine Familienangelegenheit. In Wirklichkeit geht es darum, den Generationswechsel deutlich zu machen und aller Welt zu zeigen, dass im Weißen Haus ein frischer Wind weht und die Marschmusik der Bush-Jahre passé ist. Fast jeden Abend wird jetzt im Weißen Haus gefeiert. Die Einladungen sind, wie die Washington Post dieser Tage schrieb, die "heißesten Tickets, die es in dieser Stadt gibt". Und die Eintrittskarten erreichen manchmal Empfänger, die nie damit gerechnet hatten, von Obama eingeladen zu werden.

"Ich habe mich sehr gefreut", erzählt etwa Pat McCrory, der republikanische Bürgermeister von Charlotte im US-Bundesstaat North-Carolina. Als neulich die Jahreskonferenz amerikanischer Bürgermeister in Washington tagte, lud Obama alle Teilnehmer zu einem Partyabend ein. Bush hätte nur einen handverlesenen Kreis um den Dinner Table versammelt. "Die machen das ganz geschickt", sagt Sig Rogich, ein republikanischer Politikberater. Bürgermeister seien wichtige Verbündete. Manche von ihnen kann man vielleicht nicht nur mit guten Argumenten, sondern auch mit einem unvergesslichen Abend im Weißen Haus überzeugen.

Als die Gouverneure der 50 Staaten in der vergangenen Woche in Washington waren, boten die Obamas die Band "Earth, Wind, and Fire" auf; im East Room hatten sie eine Tanzfläche freigeräumt. So viel Pomp und Party, so viel Glanz und Glamour ist Washington nicht mehr gewöhnt. Auch außerhalb des Weißen Hauses sieht man nun ständig die Akteure aus dem Obama-Team, die sich durch die Stadt fahren lassen, essen gehen oder in der Oper auftauchen.

"An den meisten Tagen der Bush-Präsidentschaft", lästerte die New York Times, "haben mehr Leute vor dem Weißen Haus protestiert als drinnen gefeiert." Das stimmt nicht ganz. Auch Bush hatte an vielen Abenden Gäste im Weißen Haus, aber es waren meistens kleine Runden, und alles fand diskret hinter verschlossenen Türen statt. In der Stadt selbst sah man Bush, Cheney und ihre Familien so gut wie nie. Jetzt wird jeder Schritt der First Family öffentlich in Szene gesetzt. "Wir arbeiten derzeit an Plänen für das diesjährige Ostereiersuchen", verrät Desiree Rogers. Auch dieses Ereignis will sie "obamasieren".

Autor: Markus Günther