Die Zukunft wird 60

Alexander Brüggemann

Von Alexander Brüggemann (KNA)

Di, 17. April 2018

Panorama

Fortschrittsdenken und der Kalte Krieg prägten 1958 die Weltausstellung in Brüssel.

BRÜSSEL. Wie aufregend, diese schöne neue Welt war: Es gab Fernseher, Kühlschränke – und ein Riesenatom. Vor 60 Jahren begann in Brüssel die erste Expo nach dem Krieg. Und Belgiens Hauptstadt präsentierte sich am Puls des Fortschritts. Die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg sollte als Visitenkarte fungieren – für eine neue Welt mit unfassbaren Zukunftsvisionen: der friedlichen Nutzung der Atomkraft und der Eroberung des Alls.

Am 17. April 1958 eröffnete der erst 27-jährige König Baudouin das 200 Hektar große Expo-Gelände – und die Welt traute ihren Augen kaum: Ein 102 Meter hohes, riesiges Konstrukt aus neun Kugeln – die 165-milliardenfache Vergrößerung eines Eisenkristalls – zog die Blicke wie magisch an. Das war die Zukunft!

Die Stadtverwaltung hatte nur unter der Bedingung grünes Licht für das eherne Monstrum gegeben, dass es binnen 18 Monaten wieder demontiert würde. Tatsächlich steht das Atomium noch heute, ist seit 2006 glänzend restauriert und eines der Wahrzeichen von Brüssel.

41,5 Millionen Menschen besuchten innerhalb von sechs Monaten die Expo. Somit zog sie 600 mal so viele Menschen an wie ihr kleiner Vorgänger 1949 in Port-au-Prince, Haiti. Und im Brüsseler Stadtzentrum hinterließ die Expo tiefe Spuren. Die späten 50er Jahre waren ein Zeitalter der Bausünden, von denen sich Brüssel nie erholt hat. Bulldozer durchpflügten die Altstadt, schlugen Breschen für mehrere neue Straßenachsen aus Beton. "Brüsselisierung" wurde in den 60er Jahren ein internationales Schimpfwort für städtebauliche Vergewaltigung.

Auf der Brüsseler Expo präsentierten 48 Länder und mehr als 4600 Aussteller ihre technischen Innovationen und architektonischen Visionen unter dem Motto "Technik im Dienste des Menschen". Prägend war der Gegensatz der Supermächte Sowjetunion und USA. Die Sowjets traten mit einem protzigen, geradlinigen, aber sehr konventionellen Glaspavillon an. Im Inneren gab es Arbeiterstatuen, einen Düsenjet, viel Schwerindustrie, ein reichhaltiges Kulturprogramm und ein Modell des erfolgreichen "Sputnik"-Satelliten, der im Oktober 1957 erfolgreich ins Weltall gestartet war. 1:0 für die Sowjets. Der US-Pavillon war zwar im Design deutlich weiter vorn; sein inhaltliches Konzept war aber in letzter Minute durch innenpolitischen Parteienzwist ausgebremst worden. Um ihn zu füllen, mussten sogar Flächen an andere Länder vergeben werden. Die Sowjets mieteten sich bei den USA ein – 2:0.

Ein Eigentor schossen indes die Belgier. Sie knüpften an die Tradition früherer Ausstellungen an und inszenierten ihre aussterbende koloniale Praxis als vermeintlich fortschrittlich und kulturstiftend. Doch als in dem aufgebauten "typischen Negerdorf" Besucher anfingen, die eigens eingeflogenen Darsteller zu füttern, kam es zum Eklat. Zwei Jahre später erlangte der Kongo seine Unabhängigkeit.