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16. Juni 2012

"Eine vollkommen unauffällige Familie"

Familienvater in Niedersachsen tötet seine vier Kinder und will anschließend Suizid begehen.

ILSEDE (dpa). Nachbarn beschreiben ihn als schwer depressiv, die Staatsanwaltschaft spricht von einer vollkommen unauffälligen Familie: Ein 36-jähriger Vater aus Niedersachsen soll seine vier Kinder im Schlaf getötet haben. Verkraftete er die Trennung von seiner Frau nicht?

Der Mann aus Ilsede stehe unter dringendem Verdacht, das zwölfjährige Mädchen und die Jungen im Alter von fünf, sieben und neun Jahren in der Nacht zum Freitag ermordet zu haben, teilte Staatsanwalt Bernd Seemann in Hildesheim mit. Die Kinder hatten Schnittverletzungen – ebenso wie ihr Vater, der sich das Leben zu nehmen versuchte. Der Mann kam mit schwersten Verletzungen in eine Klinik und wurde in ein künstliches Koma versetzt. Er hinterließ einen Abschiedsbrief. Die Ermittler sehen Trennungsprobleme als Motiv der Familientragödie.

Die Mutter machte zum Tatzeitpunkt Urlaub im Ausland, wie der Staatsanwalt erklärte. Dort erhielt sie eine SMS, in der der Mann die Tat andeutete. Sie leitete die Nachricht an Verwandte weiter, die Polizei und Feuerwehr alarmierten. Polizisten entdeckten dann kurz vor Mitternacht die Leichen der Kinder und den verletzten 36-Jährigen in der Wohnung der Familie in einer Reihenhaussiedlung. Die Tatwaffe wurde zunächst nicht gefunden.

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Täter soll depressiv und herzkrank gewesen sein

Die toten Kinder sollten noch am Freitag obduziert werden. "Wir gehen davon aus, dass die Kinder im Schlaf getötet worden sind", sagte Staatsanwalt Seemann. Es habe wohl keine Schreie gegeben, durch die Nachbarn auf das Geschehen hätten aufmerksam werden können. Die Mutter, die sich nach Angaben von Nachbarn in der Türkei befand, machte sich unterdessen auf den Rückweg. Anwohner reagierten mit Entsetzen auf die Bluttat. "Er hat mit seinen Kindern oft auf der Straße gespielt", sagt Reinhard Waldhauer in die Kameras. Der 36-Jährige soll nach Aussagen von Nachbarn schwer depressiv und herzkrank gewesen sein. Von seiner Frau habe er sich im Guten getrennt, die Kinder seien bei ihm wohnen geblieben. Die beiden seien nicht geschieden gewesen, sagte die Staatsanwaltschaft. Es handele sich um eine vollkommen unauffällige Familie, meinte Seemann.

Solchen Taten liege immer eine Beziehungsstörung zugrunde, erklärt Psychotherapeut und Traumaexperte Christian Lüdke. Die Tötung der eigenen Kinder sei "eine primitive Form der Konfliktbewältigung". Das Geschlechterverhältnis aufseiten der Täter sei in solchen Fällen ausgewogen, lediglich die Motive unterschieden sich bei Männern und Frauen, betont Lüdke. Während Frauen ihre Kinder oft töteten, um sie vor der Welt zu schützen, an der sie selbst gescheitert seien, spiele für Männer Rache, etwa für Verlassenwerden, eine entscheidende Rolle.

Autor: dpa