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30. Juli 2009

Mittelpunkte - wo Deutschland am zentralsten ist

Wo Deutschland am zentralsten ist: Jedes Land hat seinen Mittelpunkt. Deutschland hat gleich fünf. Wir haben sie angesteuert / Von Daniel Etter

  1. Duetschlandkarte mit Mittelpunkt. Foto: Daniel Etter

  2. Mittelpunktsstein in Niederdorla. Foto: Daniel Etter

  3. Norbert Glöckner, Mittelpunktsermittler. Foto: Daniel Etter

  4. Foto: -

Die BZ-Reporter gehen auf Sommerreise. Diesmal haben wir Statistiken und Landkarten gewälzt – auf der Suche nach Deutschlands Superlativen. Heute: Wo Deutschland am "zentralsten" ist. Das klingt seltsam, hat aber seinen Grund.

Das vereinigte Deutschland hat Mühe seine Mitte zu finden. Politisch sowieso. Auch seelisch war Deutschland nie so richtig im Gleichgewicht. Aber hier ist die Rede von einer richtigen Mitte: der geografischen. Eigentlich lässt die sich mathematisch eindeutig bestimmen. Sie ist der Ort, der möglichst nah an allen Grenzpunkten liegt. Doch Deutschland hat gleich fünf davon: Silberhausen, Niederdorla, Krebeck, Flinsberg und Landstreit. Diese Mittelpunktsinflation ist vor allem ein Definitionsproblem: Gehört die Zwölf-Seemeilen-Zone dazu oder nur das Staatsgebiet zu Land? Nimmt man für die Berechnung an, Deutschland sei flach? Oder bezieht man Unebenheiten mit ein?


Silberhausen und

der Mittelpunktsermittler
Diese Sommerreise beginnt in Gera, einer Stadt ohne Mittelpunktsambitionen, im Wohnzimmer eines Lehrobermeisters in Ruhestand.Wenn Norbert Glöckner erzählt, wie er den Mittelpunkt Deutschlands ermittelt hat, fängt er bei der Vertreibung der Sudetendeutschen aus Böhmen an. Von da führen seine Ausführungen über seine Schulzeit in Rügen, die Karriere als Lehrobermeister in der DDR und sein erstes Telefonat in den Westen. Nicht, dass er abschweifen würde. Eins ergibt sich aus dem anderen und ganz am Ende seines Monologs steht er in seinem Esszimmer vor einer großen Deutschlandkarte mit vier stecknadelkopfgroßen Löchern und ebenso vielen Bleistiftlinien, die sich an einem Punkt treffen. Er zeigt mit dem Finger auf diesen Kreuzungspunkt und ist sich sicher, dass hier die geografische Mitte Deutschlands ist: Silberhausen, ein Gasthaus, sieben Vereine, 689 Einwohner, gelegen in Thüringen nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

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In einem gemauerten, einen Meter tiefen Bett rinnt ein modrig riechendes Rinnsal durch Silberhausen. Das Wasser schafft es gerade über die Pflastersteine am Boden des Bachbetts und entkommt knapp der gnadenlosen Sonne, die droht, diesen letzten Rest Bach austrocknen zu lassen. Die Silberhausener hört man zwar, aber man sieht sie nur selten. Ab und an fährt einer auf einem roten Rasenmäher vorbei.

Und wo geht’s hier zur Mitte? In Silberhausen findet sich kein Hinweis darauf, kein Gedenkstein, wie in Flinsberg oder Niederdorla, kein Hinweis auf den Lehrobermeister i. R. aus Gera. Darauf wartet Glöckner bis heute. Einen wunderbaren Steinmetz hätten sie in Silberhausen und die Mittelstraße auch. Einmal war er dort. Dem Bürgermeister sagte er: "Sie können Silberhausen künftig vergolden." Doch der interessierte sich nicht dafür. Zum Schaden für Silberhausen, wie Glöckner meint. Er meint auch, dass dort nur deshalb kein Stein stehe, weil ihm, Glöckner, der akademische Titel fehlt. Lehrobermeister gelte halt nichts im vereinigten Deutschland. Da gibt’s auch keinen Stein.

Lothar, der Wirt vom Schankgasthaus "Zum Esel", ist fremde Gäste nicht gewöhnt. Erst nach einigem Zögern bedient er widerwillig die Zapfanlage und den neugierigen Reisenden. An den gedeckten Tisch darf der sich nicht setzen. Er muss sich mit dem Eckplatz bei Lothars Aschenbecher begnügen. Weiß er, dass Silberhausen Mitte Deutschlands ist? Lothar grummelt, dass das lange her sei und es heute niemanden mehr interessiere. "Das hat irgendso ein Professor ausgerechnet."

Norbert Glöckner würde sich über die unterstellten akademischen Weihen freuen. Er findet, dass er vielleicht den besten Mittelpunkt Deutschlands gefunden habe. Denn seine Ermittlung sei nachvollziehbar und plausibel. Wie das geht, hat er in der Schule auf Rügen gelernt. Dorthin kam er nach seiner Vertreibung aus dem Sudetenland. In der Schule gab es nur sieben Schüler. Sie alle seien nach dem Krieg geistig ausgehungert gewesen und gierten nach Wissen. Nicht so wie heute.

In seinem Esszimmer lagert Glöckner alle Utensilien, um den Nachweis zum Mittelpunkt zu führen. Aus einem grünen Plastikkorb holt er mehrere graue Pappstücke. Zuerst ein Quadrat. Da die Mitte zu finden ist einfach. Die ist der Schnittpunkt der Verbindungslinien zwischen den gegenüberliegenden Ecken. Dann ein Rechteck. Gleiches Prinzip, auch einfach. Dann ein Dreieck. Schon komplizierter, da ist der Schnittpunkt der Seitenhalbierenden die Mitte. Ganz zum Schluss zieht Glöckner eine unregelmäßig ausgeschnittene Pappe aus dem Korb. Die Paradedisziplin der Mittelpunktsermittlung. In diese Pappe hat er vier Löcher gestanzt, sie an einen Nagel gehängt, an den Nagel ein Lot und mit dem Bleistift die Lot-Senkrechte nachgezeichnet. Das hat er viermal wiederholt. Die Bleistiftlinien treffen sich alle an einem Punkt, dem Mittelpunkt. Und dann kam Deutschland. Dafür hat er sich 1996 eine möglichst große Deutschlandkarte besorgt, sie auf eine Pappe aufgeklebt und mit der Laubsäge ausgeschnitten. Vor allem die unregelmäßigen Grenzen im Alpenraum haben Zeit gekostet. Dazu kam, dass die Seegrenzen nicht eingezeichnet waren. Um sie rauszufinden, musste er bei einem Institut in Kiel anrufen (das erste Telefonat in den Westen). Einmal ausgeschnitten mussten Löcher gestanzt und Linien gezogen werden. Da war der Mittelpunkt, Silberhausen – nachvollziehbar, plausibel, doch bis heute ungewürdigt.

Landstreit hat
kein Interesse
am Mittelpunkt
Die einzige Straße in Landstreit heißt Landstreit. Am Ende der Straße Landstreit liegt Gut Landstreit, wo ein Alleinunterhalter Pferde züchtet. Das war’s. Einen Hinweis, dass Landstreit Mittelpunkt sei, sucht man auch hier vergebens. Selbst der Geograf, der Landstreit ermittelt hat, fand den Ort so unbedeutend, dass er vorgeschlagen hat, den Mittelpunkt einfach zur Wartburg zu verlegen. Die liegt in Eisenach, zehn Kilometer entfernt. Auf der Wartburg demonstrierten Studenten schon 1817, dass sich die deutschen Kleinstaaten vereinigen sollen. Ihre Flagge hatte die Farben Schwarz, Rot und Gold. Somit kann man die Wartburg mit einigem guten Willen als Zentrum der deutschen Geschichte bezeichnen. Aber hier geht es ja um das geografische Zentrum, also lassen wir die Wartburg hinter uns, vergessen Landstreit und Silberhausen und reisen zu Orten, die es zu würdigen wissen, der Mittelpunkt Deutschlands zu sein.

Flinsberg, der
gepflegte Mittelpunkt
Um Flinsberg zu Fuß zu durchqueren – ob von Ost nach West oder von Nord nach Süd – braucht man gut drei Minuten. Die Flinsberger hört man dabei nicht und wenn man sie sieht, verschwinden sie gleich wieder in ihre Häuser. Am Ortsrand führt ein unscheinbarer Weg zum Mittelpunktspark. Die Größe wird allerdings dem Wort Park nicht gerecht, Fleck würde es besser treffen. Immerhin ein symbolreicher Fleck: Eine Mittelpunktseiche steht dort, ein Mittelpunktsstein mit einer Mittelpunktsplakette und eine gepflasterte Deutschlandkarte, auf der neben Berlin nur Flinsberg eingezeichnet ist. Gewagt.

Ein Student aus Bonn hat gleichmäßig Punkte auf der deutschen Grenze verteilt und den Ort ermittelt, der in der Summe den geringsten Abstand zu diesen Punkten hat. Das Ergebnis war Flinsberg. Einigermaßen kompliziert, und wie kommt da Bünsingen, deutsche Exklave in der Schweiz, ins Spiel? Was ist mit den Inseln in der Nord- und Ostsee? Fragen, die Gisela Rädel nicht interessieren. Sie interessiert sich dafür, dass der Flinsberger Mittelpunkt schön aussieht. Rädel ist freiwillige und halboffizielle Mittelpunktspflegerin, pflanzt Karthäusernelken und Ringelblumen. Warum sie das macht? "Da kann man mal einen Spaziergang hin machen." Am Rande des Parks steht ein überdachtes braun-gelbes Holzschild. Auf dem Schild ist eine Kirche eingerahmt von zwei Tannen. Warum auf dem Bild Tannen sind, weiß Gisela Rädel nicht. In Flinsberg gebe es keine Tannen.

Krebeck – so
ungefähr Mitte
Paul Otto erinnert sich an die Herren der Bausparkasse, die kurz nach der Wende kamen, um ihm mitzuteilen, dass Krebeck der Mittelpunkt Deutschlands sei. Otto war damals Bürgermeister von Krebeck. Die Bausparkasse hatte einen Wettbewerb veranstaltet, um die deutsche Mitte herauszufinden. Das geodätische Institut München hat Krebeck ermittelt. Zur Feier seien die Herren von der Bausparkasse wiedergekommen und es sei den ganzen Nachmittag Unterhaltungsmusik gespielt worden, erzählt Otto. Das Verfahren, das die Münchner angewandt haben, ist sicherlich das aufwendigste. Dabei wurde Deutschland nicht als Fläche betrachtet, sondern es wurden auch Unebenheiten miteinbezogen. Als wenn man Alpen und alle sonstige Erhebungen plattbügeln würde und dann erst die Mitte bestimmt. Weil das zeitraubend ist, konnten nur Näherungswerte errechnet werden. Die Krebecker und die Herren von der Bausparkasse haben diesen Makel verdrängt und einen fünf Tonnen schweren Stein aufgestellt. "Ob das wirklich der Mittelpunkt ist, kann uns im Grunde genommen egal sein", sagt Otto. Die Herren von der Bausparkasse hatten ein offizielles Dokument vorgelegt. Der Mittelpunktsstein steht auch nur angenähert an den angenäherten Mittelpunkt. Der liegt in einem Wald am Ortsrand. Den wollte man schonen.

Niederdorla –
der erste Mittelpunkt
Auf der Ruhmesleiter deutscher Mittelpunkte steht Niederdorla ganz oben. Zur Einweihung der Mittelpunktsgedenkstätte kamen 2000 Gäste, darunter auch Dieter Althaus, heutiger Ministerpräsident Thüringens, damals Mitglied des Landtags. Eine Linde haben die Niederdorlaer gepflanzt und gleich zwei Mittelpunktssteine aufgestellt. Das erste (und einzige) Haus am Platz wurde in "Hotel am Mittelpunkt" und die Kegelbahn in "Kegelbahn am Mittelpunkt" umbenannt. Eine "Mittelpunkts-Nachtbar" hat es auch gegeben. Wobei Nachtbar es nicht genau trifft, Bordell wäre richtiger. Doch die Ehefrauen im Dorf haben gegen den vermeintlichen moralischen Niedergang Niederdorlas revoltiert und gewonnen. Das Bordell ist Geschichte. Nur in einer Mittelpunktskonkurrenzstadt berichtet man noch davon. Dort sagt man auch, dass die Niederdorlaer einen riesigen Aufstand um den Mittelpunkt gemacht hätten, mit Mittelpunktsfest und dem ganzen Bohei.

Daran erinnert sich auch Norbert Kolar, der den Zweckverband Mittelpunkt leitet. Norbert Kolar ist ein freundlicher, rundlicher Herr mit O-Beinen, der schnell ins Schnaufen gerät. Er erzählt, wie euphorisch die Niederdorlaer damals waren und, dass sie das Mittelpunktsfest jedes Jahr machen wollten. Inzwischen findet es nur noch alle fünf Jahre statt. Der erhoffte Touristenstrom blieb auch aus. "Der Mittelpunkt ist ja nüscht. Ist ja nur ein Punkt", muss Kolar zugeben. Als die Niederdorlaer gemerkt haben, dass dieses Nichts keine Massen anzieht, haben sie noch ein Freilichtmuseum danebengesetzt. Das hat nichts mit dem Mittelpunkt zu tun, dafür aber mit Germanen.

Wollte man den Niederdorlaern Böses, könnte man vermuten, dass sie mit dem Museum verdrängen wollten, wie fragwürdig ihr Anspruch ist, Mittelpunkt zu sein. Der Ingenieur, der Niederdorla ermittelt hat, hat aus den Koordinaten des nördlichsten und südlichsten sowie den östlichsten und westlichsten Punkt Deutschlands die Mitte errechnet. Diese Methode hat einen Haken: Würde Frankreich Hessen, Baden-Württemberg und das Saarland annektieren, bliebe Niederdorla deutsche Mitte. Selbst wenn Thüringen auch an die Franzosen fallen würde, Niederdorla bliebe deutsche Mitte. Es hieße dann aber vermutlich Dorle-Bas.

Autor: Daniel Etter