Interview

Europa-Park: Schlangestehen – warum gehört das dazu?

Max Schuler

Von Max Schuler

Fr, 24. August 2012 um 00:07 Uhr

Panorama

Warten gehört im Freizeitpark dazu. Welche psychologischen Tricks eingesetzt werden und warum das Schlangestehen notwendig ist – ein Interview mit Miro Gronau, Gestalter der Wartebereiche im Europa-Park Rust.

BZ: Herr Gronau, warten Sie gerne?
Gronau: Ja. Wenn ich Freizeitparks besuche, stehe ich gerne in der Warteschlange, weil ich einfach Rieseninteresse an den Wartebereichen habe.

BZ:
Das ist dann aber berufliches Interesse, oder?
Gronau: Teils, teils. Ich empfinde Warten nicht als negativ. Es ist bewiesen, dass eine Sache, auf die man wartet, intensiver erlebt wird.

BZ: Gilt das auch für die Besucher des Europa-Parks?
Gronau: Absolut. Eine gewisse Wartezeit ist notwendig, um sich vorzubereiten. Wir leiten Warteschlange bewusst an aufregenden Ecken vorbei. Man erlebt mit, was andere erleben. Das steigert den Puls. Die Leute können sich auch die Frage stellen: Will ich das wirklich? Im Bahnhof können wir Zweifler dann nicht mehr gebrauchen.

BZ: Das heißt, ein Park ohne Warteschlangen funktioniert nicht?
Gronau: So ist es. Wir generieren bewusst kleine Warteschlangen, auch wenn wenig Gäste im Park sind. Das hat praktische Gründe, die Leute sehen rechtzeitig, wo sie Taschen abstellen können, wie sie Bügel schließen und so weiter. Wenn dies nicht geschieht, verläuft die Abfertigung deutlich langsamer.

BZ:
Was vermeiden Sie tunlichst bei den Warteschlangen?
Gronau: Früher war es so, dass man große Räume füllte und von dort aus weiterlaufen ließ. Das ist psychologisch gesehen schlecht, weil man zwar schnell vorankommt, aber dann wieder gefühlt für ewig auf einer Stelle steht. Wir führen deshalb recht schmale Warteschlangen, so dass der Gästefluss immer gegeben ist.

BZ: Im Endeffekt sind beide Varianten...
Gronau: Genau gleich schnell. Aber dieses weitertrippeln ist für die Besucher essentiell. Natürlich vermeiden wir auch, wartende Gäste in die Hitze zu stellen oder dorthin, wo es windig ist. Zudem lenken wir gerne ab.

BZ: Inwiefern?
Gronau: Durch interaktive Spiele, wie beispielsweise unseren Jodelkurs in der Wildwasserbahn. Ich kann mir auch vorstellen, dass Gäste künftig interagieren. Da gibt es tolle Spiele, bei denen man sich so beschäftigen kann, dass man gar nicht mehr weitergehen möchte.

BZ: Gibt es dennoch eine Wartezeit, die abschreckt?
Gronau: Die 1,5 Stunden-Grenze ist definitiv ein Killer. Ich persönlich finde schon eine Stunde warten nicht mehr toll. Grundsätzlich ist die Schwelle bei neuen Attraktionen höher. Wir sagen aber klar bei jeder Bahn an, wie lang man anstehen muss.

BZ: In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie die Wartenden voreinander verstecken. Warum?
Gronau: Wir verstecken gerne die Warteschlange, sodass bei den Besuchern nicht dieses unangenehme Gefühl aufkommt, zwischen Menschenmassen zu stehen. Je mehr Leute man vor sich sieht, desto mehr fühlt man sich als ein Teil der Menge. Das möchten wir verhindern.

BZ: Wie schaffen Sie es, diese Besucherströme durch den Park zu leiten?
Gronau: Unsere Gäste sind spontan. Da können wir nur ein bisschen gegenwirken, indem wir sie lenken, mit Wegefarben oder mit Orientierungspunkten. Die meisten Gäste möchten aber die ersten sichtbaren Attraktionen nutzen, anstatt erstmal nach hinten durchzugehen, wo sich keiner befindet.

BZ: Was raten Sie jenen, die nicht warten möchten?
Gronau: Man kann viel Zeit sparen, wenn man antizyklisch vorgeht. Das fängt schon mit der Wahl des Besuchstages an. Was meinen Sie ist der leerste Tag in den Sommerferien?


BZ:
Ein Tag unter der Woche.
Gronau: Dasselbe denken die Gäste. Doch das ist falsch. Ein Mittwoch kann doppelt so stark besucht sein, wie ein Sonntag der gleichen Woche.

BZ: Sie haben einmal gesagt, dass man für eine Achterbahn eine gewisse Summe zahlt – und für das Drumherum nochmal genauso viel. Brauchen die Menschen mehr Ablenkung beim Warten?
Gronau: Absolut. Gäste empfinden Warten als Zeitverlust. Früher hat man Millionen Fahrattraktionen gebaut und davor ein langweiliges Zick-Zack gestellt. Wenn man dort bis zu eine Stunde zubrachte für drei Minuten Attraktion, stimmte die Relation nicht. Dieses Bewusstsein hat sich bei uns Machern eingestellt. Die Warteschlagen werden künftig spektakulärer.
Zur Person: Miro Gronau

Gronau (34) ist als "Parkleiter Operation & Service" für den Ablauf des Tagesgeschäfts im Europa-Park zuständig. Er hat Betriebswirtschaft studiert und ist seit mehr als zehn Jahren in der Freizeitparkbranche tätig.