Feuerwerk der Armen

Stefan Brändle

Von Stefan Brändle

Mi, 03. Januar 2018

Panorama

Auch in diesem Jahr brennen in der Silvesternacht in französischen Vororten wieder Hunderte Autos / Zahl bleibt konstant.

PARIS. An Neujahr sind in Frankreichs Vorstädten über 1000 Autos abgefackelt und zahlreiche Polizisten attackiert worden. Vereinzelt griffen Mütter aus den Vorstädten mäßigend ein.  

1031 Autos seien in der Silvesternacht in ganz Frankreich in Flammen aufgegangen, sagte Innenminister Gérard Collomb. Außerdem seien bei diversen "Operationen" elf Polizisten und Gendarme verletzt worden.

Zwei davon, darunter eine junge Polizistin, wurden im Pariser Vorort Champigny-sur-Marne von einer Gruppe Jugendlicher krankenhausreif geschlagen, als sie einen Streit vor dem Eingang zu einer privaten Neujahrsparty schlichten wollten. Bilder davon zirkulierten sofort auf den sozialen Medien und sorgten landesweit für Entrüstung. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verurteilte die "feige und kriminelle Lynchjustiz" und kündigte harte Strafen an. Collomb räumte aber auch ein, dass viele Banlieue-Siedlungen in den letzten Jahren "verarmt" seien und sich "ghettoisiert" hätten. Die Wohntürme seien "total unmenschlich". Deshalb habe die Regierung schon vor Monaten einen ersten Renovierungsplan für diese Vorstädte verabschiedet.  

Über den speziellen Neujahrsbrauch des Autoabfackelns kommunizieren die französischen Behörden hingegen sehr zurückhaltend. In der elsässischen Metropole Straßburg, wo die Unsitte vor rund 20 Jahren begonnen hatte, wurde nur dank Polizeigewerkschaftern bekannt, dass in der jüngsten Silvesternacht 75 Autos ausgebrannt seien. Die Ordnungskräfte mussten demzufolge bei den Löschaktionen Tränengas einsetzen und Verhaftungen vornehmen.

In anderen elsässischen Städten wie Mulhouse oder Colmar, aber auch in ländlichen Gemeinden wie Guebwiller brannten Autos aus. In südfranzösischen Städten zündelten die meist minderjährigen Banlieue-Jungs ebenfalls eifrig; in Toulouse brannten zum Beispiel 40 Fahrzeuge aus, wie Journalisten vor Ort zählten.

  Die großen französischen Fernsehsender behielten die teilweise spektakulären Bilder vom Autoabfackeln meist unter Verschluss, um in Absprache mit den Polizeibehörden etwaige Nachahmer abzuhalten. Immerhin verschweigt die neue Regierung das französische Silvesterritual nicht mehr so umfassend wie Präsident Nicolas Sarkozy, der ab 2010 gar keine Statistiken ausgebrannter Autowracks mehr publizieren ließ.   Generell verdrängt Frankreich aber weiterhin, dass Neujahr in gewissen Vorstadtzonen ganz anders "gefeiert" wird als etwa bei der feuchtfröhlichen Massenparty auf den Pariser Champs-Elysées.

Fahruntaugliche Altwagen wurden bereits aussortiert

Die Gesamtzahl angezündeter Fahrzeuge an Neujahr bleibt in etwa konstant, obschon die Polizei in diesem Dezember in aller Diskretion ausrangierte und fahruntaugliche Altwagen systematisch abtransportieren ließ. Denn sie werden besonders oft Opfer der Flammen; sei es, weil die jugendlichen Brandstifter nicht unbedingt Hand an den Neuwagen des Nachbarn legen wollen; sei es, weil Autobesitzer schon dabei ertappt wurden, dass sie ihren eigenen Altwagen an Neujahr anzündeten, um eine Versicherungsprämie zu kassieren.  Dies relativiert auch Berichte und Ansichten, das Neujahrszündeln in der Banlieue sei ähnlich einer Intifada politisch motiviert. 2008 hatte das Brandphänomen in Frankreich zwar nach Unruhen im palästinensischen Gaza-Streifen zugenommen. Sozialhelfer sehen allerdings nur insofern einen Nachahmereffekt, als die Vorstadtjugendlichen ihr eigenes "Feuerwerk der Armen" veranstalten wollten.  

In Aulnay-sous-Bois, einer unruhigen Vorstadt im Norden von Paris, trat an Silvester erstmals ein Kollektiv von Banlieue-Müttern in Aktion, um das allgemeine Autoabbrennen einzudämmen. 20 wackere Franko-Afrikanerinnen patrouillierten durch die dunklen Straßen von Aulnay, um die Zwölf- und Dreizehnjährigen nach Mitternacht von der Straße zu holen und ihnen ein wenig das Was und Warum zu erklären, wie die Komiteevorsteherin Mariame Gassama sagte. In Aulnay sollen effektiv weniger Autos als bisher gebrannt haben.