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03. Januar 2009

Frisch ins Horn gestoßen

Eigentlich ist die Fuchsjagd in England verboten – aber die Jäger finden gesetzliche Schlupflöcher

  1. „Tally Ho!“ schallt der Ruf der Jäger nun wieder über Englands Felder. Foto: dpa

LONDON. Jagdverbot? Was für ein Jagdverbot? Ein vor vier Jahren von Labour erlassenes Gesetz, das die Fuchsjagd mit Hunden in England unter Strafe stellt, scheint wenig Änderung gebracht zu haben. Die Konservativen wollen es wieder abschaffen.

In England ist, wieder mal, die Jagdsaison in vollem Gange. Wie seit Jahrhunderten schon setzen auch zu diesem Jahresbeginn die Jagdgesellschaften mit lautem "Tally Ho!" über Berg und Tal, um Füchslein im Königreich aufzustöbern und sie von ihren fröhlich kläffenden Hunden zerfleischen zu lassen. 400 000 Jäger, organisiert in 300 örtlichen Jagdverbänden, sollen bereits über Weihnachten ausgeritten sein, um ihrer Lieblingsbeschäftigung zu frönen – die kamerabewehrten Jagdgegner der "Liga gegen grausame Sportarten" in Kleinbussen immer hinterdrein. Denn eigentlich ist dieser "Sport" seit vier Jahren gesetzlich verboten. 2004 erließ die Labour-Regierung ein Verbot der Hatz mit Hunden – nach jahrelangem Zögern, und gegen den Willen der Konservativen.

Die Reform wurde damals von der Jagdlobby mit wütendem Geheul aufgenommen. Zehntausende ländlicher Arbeitsplätze würden verloren gehen, eine Tradition sei zum Tode verurteilt, und ganze Tausendschaften von Jagdhunden müssten eingeschläfert werden, prophezeiten die Jäger. 50 000 von ihnen gelobten aktiven Widerstand gegen das neue Gesetz, in Form einer feierlich unterzeichneten "Jagd-Deklaration". Die Polizei fragte sich, ob sie einem solchen Gesetz überhaupt Nachdruck verleihen könne. Die Frage war berechtigt. Das neue Gesetz hat praktisch keinen Unterschied gemacht. Weder hat es die Jagdgesellschaften vom Ausreiten abgehalten, noch englischen Füchsen eine bessere Zukunft beschert. Schlupflöcher haben es der "Hunt" erlaubt, ihren Blutsport hart am Rande der Legalität weiter zu betreiben.

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Zum einen erlegen die Jäger nun, am Ende einer Hunde-Hatz, Füchse mit dem Gewehr – was erlaubt ist. Oder sie legen künstliche Fuchs-Fährten, um ihre Hunde "zu trainieren", was ebenfalls nicht unter das Verbot fällt. Wenn diese Fährten dann zu gewissen Wäldchen und zu Fuchsbauten führen, in denen Meister Reineke zu Hause ist – wer kann’s den Hunden verdenken, dass sie sich, ganz spontan, auf ihre rotpelzigen Opfer stürzen? "Zufalls-Begegnungen" dieser Art sind jedenfalls nicht strafbar.

Dass sie sorgfältig arrangiert werden, lässt sich nur schwer beweisen. So sind in den vergangenen vier Jahren in Großbritannien insgesamt nur 31 Personen der Hatz mit Hunden überführt und zu geringen Geldstrafen verurteilt worden. Fünf Dutzend Labour-Abgeordnete finden das einen Skandal und dringen auf eine Verschärfung des Gesetzes. In Kürze soll der High Court klären, ob Jäger nachweisen müssen, dass sie keinerlei Hatz-Absichten verfolgen, wenn sie mit ihren Hunden ausreiten.

Im Übrigen fühlt sich die Polizei kaum in der Lage, ein Auge auf alles zu halten, was sich in weitläufigen Ländereien abspielt. Die Jäger ihrerseits sind dazu übergegangen, ihre Jagdpartien nicht mehr groß anzukündigen. Vielerorts sind die berühmten scharlachfarbenen Jagdröcke schon gegen unauffälligere schwarze oder Tweed-Röcke eingetauscht worden – um den Affront des traditionellen Jäger-Images etwas abzumildern. Klar ist, dass die einflussreichen Jagdgesellschaften jedenfalls nicht gewillt sind, die Jagdhörner an den Haken zu hängen. Dies, meinen viele Jäger, sei ja nur eine Durststrecke, auf der man sich mit geschickten Manövern behelfen müsse. Für den Fall eines konservativen Wahlsiegs bei den nächsten Unterhauswahlen hat der Tory-Vorsitzende David Cameron nämlich bereits versprochen, er werde dem Parlament Gelegenheit zur Revision verschaffen. Das Unterhaus soll über neue Jagdregeln entscheiden dürfen: Bei einer klaren Tory-Mehrheit in Westminster dürften in vielen englischen Landhäusern die Korken knallen, und die roten Röcke wieder aus dem Schrank geholt werden.

Autor: Peter Nonnenmacher