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26. Juli 2010 19:47 Uhr
Nach der Katastrophe
Gegen alle Bedenken: Duisburg Stadtspitze und die Loveparade
Profilierungssucht, dilettantische Organisation, Abfuhren für mahnende Stimmen: Nach der Katastrophe bei der Loveparade stehen der Duisburger Oberbürgermeister und seine Verwaltung im Kreuzfeuer der Kritik.
Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) lehnt einen Rücktritt jedoch ab – dabei ist er buchstäblich der Buhmann der Trauernden. Als er am Sonntagabend am Unglücksort erscheint, um Blumen niederzulegen, schlagen ihm Buh- und Pfui-Rufe entgegen. "Ich werde mich der Frage nach meiner persönlichen Verantwortung stellen. Das steht außer Frage", sagte Sauerland am Montag mit brüchiger Stimme. Zunächst aber müssten die Ursachen für die Tragödie erforscht, Verantwortlichkeiten festgestellt werden.
Er und seine Duisburger Stadtverwaltung geraten wegen ihrer angeblichen Profilierungssucht und ihrer dilettantischen Organisation bei der Durchführung der Loveparade immer stärker unter Beschuss. Leitende Beamte im örtlichen Polizeipräsidium beklagen hinter vorgehaltener Hand, von der Rathausspitze sei seit über einem Jahr permanent politischer Druck ausgeübt worden, um das Prestigeprojekt Loveparade mit aller Macht und unter allen Umständen in der klammen Reviermetropole realisieren zu können.
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Bereits am 6. Februar 2009 hatte die Polizei in einer Pressemitteilung Bedenken gegen die Austragung des weltweit größten Techno-Festivals angemeldet: "In Duisburg eine Veranstaltungsfläche für 500.000 oder gar mehr Menschen zu finden, inklusive eines geordneten An- und Abreiseverkehrs, ist allerdings nicht einfach." Daraufhin verlangte der Duisburger CDU-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg in einem Brief an den damaligen NRW-Innenminister Ingo Wolf (FDP) die Abberufung des örtlichen Polizeipräsidenten Rolf Cebin.
Neben Cebin soll auch die Leiterin des Duisburger Amtes für Bauaufsicht als Bedenkenträgerin gegenüber der Loveparade unliebsam bei der Rathausspitze aufgefallen sein. Um einen Konflikt zu entschärfen, entschied die Rathaus-Führung, die Bedenken im Arbeitskreis "Sicherheit" zu diskutieren – angeblich ohne die kaltgestellte Leiterin des Amtes für Bauaufsicht. Das Presseamt der Stadt ließ unsere Anfrage zu diesem Vorgang bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.
In das Bild passt der von der Stadt nicht dementierte Bericht von Spiegel Online, dass die Duisburger Bauaufsicht nur wenige Tage vor der Loveparade die Sicherheitsauflagen zu den Fluchtwegen gelockert haben soll. "Viele Verantwortliche waren gegen die Pläne für die Loveparade – nur nicht der OB", sagt ein Insider, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, der Nachrichtenagentur dpa.
Inzwischen hat der ehemalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner Strafanzeige gegen OB Sauerland, seine leitenden Beamten und die Loveparade-Veranstalter wegen fahrlässiger Tötung erstattet. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen längst aufgenommen und alle Unterlagen zur Loveparade im Duisburger Rathaus beschlagnahmt.
Die Kölner Polzei hat die Ermittlungen übernommen. Um Befangenheit zu vermeiden, habe das nordrhein-westfälische Innenministerium die Zuständigkeit von der Duisburger Polizei auf die Kölner Behörde übertragen, sagte ein Kölner Polizeisprecher am Montag auf Anfrage.
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Autor: Johannes Nitschmann
