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26. Juli 2010 19:47 Uhr

Nach der Katastrophe

Gegen alle Bedenken: Duisburg Stadtspitze und die Loveparade

Profilierungssucht, dilettantische Organisation, Abfuhren für mahnende Stimmen: Nach der Katastrophe bei der Loveparade stehen der Duisburger Oberbürgermeister und seine Verwaltung im Kreuzfeuer der Kritik.

Zwei Tage nach der Massenpanik mit mittlerweile 20 Toten und 511 Verletzten mischt sich an der improvisierten Gedenkstätte sich die Trauer der Menschen mit Wut. "Das ist doch eine Schande für die Stadt Duisburg", empört sich ein 50-Jähriger. "Die da gesessen haben, sollen zurücktreten."

Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) lehnt einen Rücktritt jedoch ab – dabei ist er buchstäblich der Buhmann der Trauernden. Als er am Sonntagabend am Unglücksort erscheint, um Blumen niederzulegen, schlagen ihm Buh- und Pfui-Rufe entgegen. "Ich werde mich der Frage nach meiner persönlichen Verantwortung stellen. Das steht außer Frage", sagte Sauerland am Montag mit brüchiger Stimme. Zunächst aber müssten die Ursachen für die Tragödie erforscht, Verantwortlichkeiten festgestellt werden.

Er und seine Duisburger Stadtverwaltung geraten wegen ihrer angeblichen Profilierungssucht und ihrer dilettantischen Organisation bei der Durchführung der Loveparade immer stärker unter Beschuss. Leitende Beamte im örtlichen Polizeipräsidium beklagen hinter vorgehaltener Hand, von der Rathausspitze sei seit über einem Jahr permanent politischer Druck ausgeübt worden, um das Prestigeprojekt Loveparade mit aller Macht und unter allen Umständen in der klammen Reviermetropole realisieren zu können.

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CDU-Politiker kritisierte Loveparade-skeptischen Polizeipräsidenten

Bereits am 6. Februar 2009 hatte die Polizei in einer Pressemitteilung Bedenken gegen die Austragung des weltweit größten Techno-Festivals angemeldet: "In Duisburg eine Veranstaltungsfläche für 500.000 oder gar mehr Menschen zu finden, inklusive eines geordneten An- und Abreiseverkehrs, ist allerdings nicht einfach." Daraufhin verlangte der Duisburger CDU-Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg in einem Brief an den damaligen NRW-Innenminister Ingo Wolf (FDP) die Abberufung des örtlichen Polizeipräsidenten Rolf Cebin.
Für den Polizeipräsidenten stünden "eklatante Sicherheitsmängel" einer Austragung der Loveparade in Duisburg entgegen, beschwerte sich der CDU-Kreischef in einem unserer Zeitung vorliegenden Brief vom 9. Februar 2009 im Innenministerium und bat darum, "Duisburg von einer schweren Bürde zu befreien und den personellen Neuanfang im Polizeipräsidium zu wagen". Wegen des Loveparade-skeptischen Polizeipräsidenten befürchtete Mahlberg "eine Negativberichterstattung in der gesamten Republik".

Bedenkenträger wurden kaltgestellt

Neben Cebin soll auch die Leiterin des Duisburger Amtes für Bauaufsicht als Bedenkenträgerin gegenüber der Loveparade unliebsam bei der Rathausspitze aufgefallen sein. Um einen Konflikt zu entschärfen, entschied die Rathaus-Führung, die Bedenken im Arbeitskreis "Sicherheit" zu diskutieren – angeblich ohne die kaltgestellte Leiterin des Amtes für Bauaufsicht. Das Presseamt der Stadt ließ unsere Anfrage zu diesem Vorgang bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

In das Bild passt der von der Stadt nicht dementierte Bericht von Spiegel Online, dass die Duisburger Bauaufsicht nur wenige Tage vor der Loveparade die Sicherheitsauflagen zu den Fluchtwegen gelockert haben soll. "Viele Verantwortliche waren gegen die Pläne für die Loveparade – nur nicht der OB", sagt ein Insider, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, der Nachrichtenagentur dpa.

Befangenheit in Duisburg: Jetzt ermitteln Kölner Behörden

Inzwischen hat der ehemalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner Strafanzeige gegen OB Sauerland, seine leitenden Beamten und die Loveparade-Veranstalter wegen fahrlässiger Tötung erstattet. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen längst aufgenommen und alle Unterlagen zur Loveparade im Duisburger Rathaus beschlagnahmt.

Die Kölner Polzei hat die Ermittlungen übernommen. Um Befangenheit zu vermeiden, habe das nordrhein-westfälische Innenministerium die Zuständigkeit von der Duisburger Polizei auf die Kölner Behörde übertragen, sagte ein Kölner Polizeisprecher am Montag auf Anfrage.

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Autor: Johannes Nitschmann