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02. Dezember 2008
Horror im Heim
In Lissabon sollen jahrelang bedürftige Minderjährige missbraucht worden sein / Prozess gegen Täter steht kurz vor dem Abschluss
LISSABON. "Wenn man ein ruhiges Gewissen hat, wird man sehr gefasst", sagt Carlos Cruz. Der 66-Jährige ist ein Fernsehstar, in Portugal so berühmt wie Thomas Gottschalk in Deutschland. Aber auf seinem Ruhm liegt ein Schatten. Denn er ist einer der Angeklagten im "Casa Pia"-Prozess. Vier Jahre läuft das Gerichtsverfahren schon, nun tritt es in seine letzte Phase. Es geht um Kindesmissbrauch in Hunderten Fällen, begangen an Heimbewohnern der Casa Pia in Lissabon, einem staatlichen Hilfswerk für bedürftige Minderjährige.
Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass Carlos Cruz einer der Täter ist. Das hat auch Carlos Silvino, einer der sieben Beschuldigten im "Casa Pia"-Prozess, vom ersten Verhandlungstag an immer wieder beteuert. Er selbst habe Kinder missbraucht, und er wisse von den Mitangeklagten, das sie es auch getan hätten. Für 598 Fälle von Missbrauch, 33 Fälle von Kuppelei, drei Vergewaltigungen und Veruntreuung öffentlicher Gelder muss er sich verantworten. Silvino, den alle Bibi nennen, ist der reuige Zeuge in diesem Prozess gewesen. Und er hat die anderen, prominenten Angeklagten schwer belastet.Werbung
Der Skandal um die Casa Pia erschüttert Portugal seit sechs Jahren. Im September 2002 erstattete ein jugendlicher Heimbewohner aus Lissabon Anzeige wegen Vergewaltigung gegen den heute 52-jährigen Bibi, der bei der Casa Pia als Fahrer arbeitete. Wenn nicht die Wochenzeitung Expresso zwei Monate später über den Fall berichtet hätte, wäre die Geschichte vielleicht wieder unter den Teppich gekehrt worden, so wie in den 70er Jahren, als ähnliche Anzeigen gänzlich folgenlos blieben.
Doch diesmal wanderte der mutmaßliche Vergewaltiger, selbst ein ehemaliger Schützling der Casa Pia, drei Tage nach Veröffentlichung des Artikels ins Gefängnis. Die Ermittler vernahmen Hunderte Jugendliche aus der Casa Pia und vermuteten bald organisierten Missbrauch: Bibi soll sich nicht nur selbst an den Kindern vergangen haben, sondern sie auch anderen Männern zugeführt haben. Zum Beispiel Carlos Cruz, der wegen der Vorwürfe bereits ein Jahr in Untersuchungshaft saß. Ein Spitzendiplomat, ein Komiker, ein Anwalt und ein Kinderarzt sind weitere der prominenten Missbrauchs-Verdächtigen. Auch der sozialistische Exminister Paulo Pedroso wanderte im Mai 2003 für viereinhalb Monate in Untersuchungshaft, doch die Richterin hielt die Indizien für so dürftig, dass sie die Anklage gegen den Politiker nicht zuließ.
Nach zähen Verhandlungsjahren ist die Staatsanwaltschaft davon überzeugt, dass sie den sieben Angeklagten ihre Taten hat nachweisen können. Und sie macht der Heimleitung Vorwürfe. Jahrzehntelang habe sie die Hinweise auf systematischen Missbrauch nicht ernst genommen, sagte Staatsanwalt João Aibéo. Die betroffenen Jugendlichen seien der Lüge bezichtigt worden. Das änderte sich erst, als die Casa Pia nach der Verhaftung des Hauptangeklagten Bibi eine neue Direktorin erhielt. Sie war entsetzt über die Zustände im Heim: "Das Ambiente in der Casa Pia ist das eines Horrorfilms", sagte sie.
Nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft werden jetzt die Verteidiger das letzte Wort erhalten. Mit den Urteilen ist Anfang 2009 zu rechnen.
Autor: Martin Dahms
