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15. Juli 2017 00:00 Uhr

Konferenz

Italienische Mafia hat sich in Deutschland ausgebreitet

Ernstzunehmende Gefahr aus Italien: Die Mafia hat sich in Deutschland ausgebreitet. Experten beraten bei einer Konferenz in Berlin, wie man mit den Verbrecherclans umgehen kann.

  1. Mafia-Attentat in Duisburg im Jahr 2007 Foto: Archiv: dpa

Grausame Bilder gehen am 15. August 2007 aus Duisburg um die Welt. Leichen liegen auf dem Asphalt vor der Pizzeria "Da Bruno", die toten Körper hinter den Absperrbändern sind nur teilweise mit weißen Laken abgedeckt. Sechs Italiener wurden auf offener Straße erschossen. Auslöser war eine Fehde zwischen zwei Clans der gefürchteten "Ndrangheta", eine der mächtigsten Mafia-Organisationen Europas. Die Morde zählen zu den schlimmsten Mafia-Taten in Deutschland. Zwar hat sich solch ein blutiges Verbrechen seither nicht wiederholt, doch es gibt "keinen Grund zur Entwarnung", sagt Sandro Mattioli vom Verein "Mafia? Nein, Danke!".

Zehn Jahre nach den Mafiamorden beschäftigten sich Politiker, Wissenschaftler und engagierte Bürger in dieser Woche in Berlin mit dem Kampf gegen italienische Verbrecherclans. Es sei die erste Konferenz dieser Art, erklärt Veranstalter Mattioli. "Die Mafia ist hier unsichtbar, aber beinahe flächendeckend vertreten", warnt er. "Sie können in einem feinen Café in der Münchner Innenstadt sitzen und sind bei der Mafia zu Gast – Sie wissen es nicht. Sie können im Festzelt schunkeln und sind bei der Mafia zu Gast – Sie wissen es nicht." Rund 560 mutmaßliche Mitglieder italienischer Mafia-Organisationen zählt das Bundeskriminalamt.

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Moderne Mafiosi sind keine düsteren Gestalten in Nadelstreifenanzügen. Sie sind Manager, die in Immobilien und Restaurants investieren, um Geld zu waschen. "Heute verwendet die Mafia immer weniger Mord und Totschlag, immer weniger Gewalt und Verbrechen", sagt der italienische Innenminister Marco Minniti am Mittwoch. "Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht mehr existiert." Das Gegenteil sei eher der Fall, sie würde "Geländegewinne verbuchen".

Die Clans verdienen Geld auch jenseits des Drogenhandels. Kriminelle Zellen in Nordeuropa infiltrierten ganze Wirtschaftszweige. Wer Drogen verkauft, sei sehr sichtbar – wer Kapital investiert viel weniger, sagt David Ellero. Er ist seit mehr als 20 Jahren Polizist, seit mehr als zehn Jahren bekämpft er die Mafia, zuerst in Neapel, nun bei Europol. Der Italiener leitet bei der europäischen Polizeibehörde die Abteilung Wirtschafts- und Eigentumsdelikte. Deutschland sei ein Zentrum der Mafiosi für Geldwäsche und Drogenhandel, sagt der 43-Jährige, ebenso die Niederlande und Belgien. Die gute Infrastruktur ziehe die Verbrecherclans an, ebenso die brummende Wirtschaft. Sie nutzten Deutschland als Rückzugsraum.

Die alltäglichen Beschwernisse bei seiner Arbeit beschreibt David Ellero als "Bestie mit drei Beinen" – das erste Bein stehe für die gesetzlichen Schlupflöcher in Europa. Bislang steht etwa in Deutschland die Zugehörigkeit zur Mafia nicht unter Strafe. Das zweite Problem sei ein mangelndes Bewusstsein für die Gefahr der Mafia, das verbreitete Klischeedenken außerhalb Italiens. Und beim dritten Bein gehe es um die Ressourcenverteilung der Verbrechensbekämpfung in Zeiten etwa von Terrorismus. "Wenn wir eines der Beine abhacken, fällt die Bestie um", sagt Ellero.

Doch die Bestie steht noch. Die Bundesregierung will deshalb mit neuen Gesetzen härter gegen Verbrecherclans vorgehen. Dabei nehme man sich auch die härteren Anti-Mafia-Gesetze Italiens zum Vorbild, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Mittwoch. Man will nun den Tatbestand der kriminellen Vereinigung neu fassen, damit auch allein die Mitgliedschaft bei der Mafia künftig unter Strafe steht. Auch Vermögen aus Mafia-Besitz soll künftig einfacher abgeschöpft werden.

Autor: dpa