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11. Dezember 2008 15:18 Uhr
Schwule Liebe zensiert?
Italienisches TV zeigt Film gekürzt
Der italienische Fernsehsender "Rai Due" hat "Brokeback Mountain", den Film über die Liebe zwischen zwei Cowboys – ohne Liebesszenen gezeigt. Schwulenverbände und allen voran die schillernde Transsexuelle Vladimir Luxuria protestieren.
Man kann nicht behaupten, dass das italienische Fernsehen zimperlich mit nackter Haut umgeht: Angefangen vom Frühstücksfernsehen beeindrucken die Moderatorinnen sowohl der staatlichen "RAI" als auch des privaten Sendernetzes "Mediaset" stets mit knappen Kleidern; und mit Fortschreiten des Tages werden die Röcke kürzer und die Posen deutlicher. Maßstäbe setzt dabei schon kurz nach den Abendnachrichten die Klamauksendung "Striscia la notizia", bei der zwei junge Damen auch mal lasziv über den Schreibtisch der Moderatoren krabbeln.
Umso verwunderlicher war es deshalb für die Fernsehzuschauer, was geschah, als nun der zweite staatliche Fernsehkanal, "RaiDue" erstmals "Brokeback Mountain" zeigte, das vielfach ausgezeichnete Filmdrama um zwei Cowboys in den Sechziger Jahren, die sich ineinander verlieben, aber schließlich daran zerbrechen, dass sie ein sozial erwünschtes, ordentliches Leben als Familienväter führen müssen. Für den italienischen Fernsehzuschauer war während der Vorführung des Films nur zu sehen, dass sich die beiden irgendwie mögen - die Szenen jedoch, in denen die beiden Männer Sex haben oder knutschen, sah man nicht.
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Zufall? Schon sechs Stunden nachdem der Film um ein Uhr nachts geendet hatte, machte die italienische Zeitung "La Repubblica" in ihrer Internetausgabe mit dem mutmaßlichen Skandal auf: "Brokeback Mountain zensiert!" Die Sache schien sonnenklar: Die reaktionären Kräfte der italienischen Gesellschaft, der Vatikan und die konservative Regierung, so schien es, hatten sich offensichtlich verbündet und die schwule Liebe aus dem Abendprogramm geschnitten. Schließlich hatten sich Vatikan-Mitarbeiter im letzten Monat zwei Mal kritisch zu Fragen der Homosexualität geäußert - oder waren zumindest so verstanden worden; und die "Rai" wird wieder von der konservativen Berlusconi-Regierung bestimmt. Seine eindeutig heterosexuelle Haltung hatte Silvio Berlusconi erst vor zwei Tagen noch einmal kundgetan, als er auf die Frage, was sein Hobby sei, geantwortet hatte: "Frauenjagd".
Der Protest ließ nicht auf sich warten, an die Spitze stellte sich einmal mehr Vladmir Luxuria, die sich Transgender nennt, sie ist vom Körperbau ein Mann, aber lebt als Frau. Erst vor drei Wochen gewann die ehemalige Parlamentsabgeordnete der italienischen Kommunisten das italienische Dschungelcamp, die "Insel der Berühmten", wodurch Zeitungskommentare die heimische Toleranz feierten. Nun rief Vladimir Luxuria umgehend den Senderchef von "Rai Due" an und beschwerte sich über eine "Zensur wie in den 50er Jahren": "Ich glaube nicht an eine Unaufmerksamkeit, ich glaube an Zensur und Tugendwächtertum", sagte sie "La Repubblica", "dieselbe Szene zwischen Mann und Frau wäre nicht rausgeschnitten worden." Außerdem glaubte sie, dass der Film so kaum mehr verständlich war: "Den Film ohne die beiden Szenen zu zeigen, wäre so, wie die Mona Lisa ohne Kopf: Ein Kunstwerk muss man respektieren."
Homosexuellen-Verbände und die Vereinigung für die Rechte von Verbrauchern legten nach und schimpften über "Homophobie" "Rai" reagierte inzwischen, wenn auch kleinlaut: "Ich habe in meinem ganzen Leben keinen Film zensiert", verteidigte sich der Chefredakteur von "Rai Due", Antonio Marano, "ich kann nur sagen: es ist ein Irrtum passiert." Versehentlich, so der Senderchef, sei jene Version gesendet worden, die auch für Kinder unter 14 Jahren geeignet ist. "Wir haben den Filmverleih gebeten, uns beides zu schicken, die zensierte, wie die volle Version", heißt es in einer Presseerklärung von "Rai". Als dann der Sendeplan gemacht wurde, habe keiner mehr auf die Kassettenhülle geschaut. Sogar RAI-Präsident Claudio Petruccioli, entschuldigte sich: "Wir entschuldigen uns für den Fehler und zeigen sehr bald den Film in seiner Ganzheit." Ein Reporter von "La Repubblica" fragte am Donnerstag noch einmal argwöhnisch nach: "Es gab keinen Druck aus dem Vatikan, den Film zu schneiden?" - "Nein", antwortete Claudio Petruccioli, "kein Druck vom Vatikan, kein Druck von irgendwo."
Doch so ganz an einen Zufall will niemand glauben, im rechten wie im linken politischen Lager. "Die peinlich berührte Erklärung der Rai kann meiner Meinung nach nicht den Vorwurf der Zensur entkräften", sagte am Mittwoch Senator Luigi Vimercati, der in einem Rai-Kontrollgremium sitzt, "ich werde das Thema auf die Tagesordnung im Parlament setzen lassen."
Autor: Martin Zöller
