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12. Dezember 2008
Zensur im italienischen Fernsehen?
Der Sender "Rai Due" zeigt "Brokeback Mountain" ohne Liebesszenen / Schwulenverbände protestieren.
ROM. Der italienische Fernsehsender "Rai Due" hat "Brokeback Mountain", den Film über die Liebe zwischen zwei Cowboys, ohne Liebesszenen gezeigt. Schwulenverbände und allen voran die schillernde Transsexuelle Vladimir Luxuria protestieren.
Man kann ja nicht behaupten, dass das italienische Fernsehen zimperlich mit nackter Haut umgeht: Angefangen vom Frühstücksfernsehen beeindrucken die Moderatorinnen sowohl der staatlichen Rai als auch des privaten Sendernetzes Mediaset stets mit knappen Kleidern. Mit Fortschreiten des Tages werden die Röcke kürzer und die Posen deutlicher, Maßstäbe setzt dabei schon kurz nach den Abendnachrichten die Klamauksendung "Striscia la notizia", bei der zwei junge Damen auch mal lasziv über den Schreibtisch der Moderatoren krabbeln. Umso verwunderlicher war es deshalb für die Fernsehzuschauer, was geschah, als nun der zweite staatliche Fernsehkanal, Rai Due erstmals "Brokeback Mountain" zeigte, das vielfach ausgezeichnete Filmdrama um zwei Cowboys, die sich ineinander verlieben, aber schließlich daran zerbrechen, dass sie ein sozial erwünschtes, ordentliches Leben als Familienväter führen müssen. Für den italienischen Fernsehzuschauer war nur zu sehen, dass sich die beiden irgendwie mögen – die Szenen jedoch, in denen die beiden Sex haben oder knutschen, sah man nicht.Werbung
Zufall? Kurz nachdem der Film vorbei war titelte die Zeitung La Repubblica in ihrer Internetausgabe: "Brokeback Mountain zensiert!" Die Sache schien sonnenklar: Die reaktionären Kräfte der italienischen Gesellschaft, der Vatikan und die konservative Regierung hatten sich offensichtlich verbündet und die schwule Liebe aus dem Abendprogramm geschnitten. Schließlich wird Rai wieder von der konservativen Berlusconi-Regierung bestimmt. Seine eindeutig heterosexuelle Haltung hatte Silvio Berlusconi erst kürzlich erneut kundgetan, als er auf die Frage, was sein Hobby sei, geantwortet hatte: "Frauenjagd". Der Protest ließ nicht auf sich warten, an die Spitze stellte sich einmal mehr Vladmir Luxuria, sie ist vom Körperbau ein Mann, aber lebt als Frau. Erst vor drei Wochen gewann die ehemalige Parlamentsabgeordnete der italienischen Kommunisten das italienische Dschungelcamp, die "Insel der Berühmten", wonach Zeitungskommentare die heimische Toleranz feierten. Nun beschwerte Luxuria sich umgehend bei Senderchef von Rai Due über "Zensur wie in den 50er Jahren": "Ich glaube nicht an eine Unaufmerksamkeit, ich glaube an Zensur und Tugendwächtertum", sagte sie La Repubblica, "dieselbe Szene zwischen Mann und Frau wäre nicht rausgeschnitten worden." Homosexuellenverbände und auch die Vereinigung für die Rechte von Verbrauchern legten nach und schimpften über Homophobie.
Rai reagierte inzwischen, wenn auch kleinlaut: "Ich habe in meinem ganzen Leben keinen Film zensiert", so Antonio Marano, Chefredakteur von Rai Due, "es ist ein Irrtum passiert." Versehentlich sei jene Version gesendet worden, die auch für Kinder unter 14 Jahren geeignet ist. Auch Rai-Senderchef Claudio Petruccioli, entschuldigte sich: "Wir zeigen sehr bald den Film in seiner Ganzheit."
Doch so ganz an einen Zufall will niemand glauben, im rechten wie im linken politischen Lager. "Die peinlich berührte Erklärung der Rai kann meiner Meinung nach nicht den Vorwurf der Zensur entkräften", sagte Senator Luigi Vimercati, der in einem Rai-Kontrollgremium sitzt, "ich werde das Thema auf die Tagesordnung im Parlament setzen lassen."
Autor: Martin Zöller
