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15. März 2010 00:10 Uhr
Moskau
Jetzt knabbert die Krise an Russlands Luxusindustrie
Von ihren Umsatzsteigerungen konnten selbst die Rohstoffmagnaten nur träumen. Doch nun knabbert die Wirtschaftskrise auch am Profit der russischen Luxusindustrie.
MOSKAU. Verkäufer in Edelboutiquen an der Twerskaja und deren Nebenstraßen – Moskaus Flaniermeile – blättern momentan gelangweilt in Illustrierten oder legen sich die Karten. Viele von ihnen sind bereits geräumt und bei manchen ist trotz drastisch gesunkener Preise kein Nachmieter in Sicht. Während die russischen Börsen sich bereits zügig wieder dem Rekord-Zählerstand von Sommer 2008 annähern kommt in der Moskauer Glamourbranche die Krise jetzt erst an.
Vor Kurzem noch konnten sich hier Modedesigner und Hersteller von Luxusartikeln über jährliche Umsatzsteigerungen von bis zu 25 Prozent freuen. Zuwächse, von denen selbst Rohstoffmagnaten nur träumen konnte. Zwischen Kaliningrad im Westen und Wladiwostok im Osten schossen in tropischen Edelhölzern und poliertem Marmor schwelgende Konsumtempel für höchste Ansprüche wie Pilze aus dem Boden. 527 waren es allein im zentralrussischen Regierungsbezirk, 513 davon in Moskau.
Seit Mitte 2008 stagniert der Absatz, 2009 begann der Fall ins Bodenlose. 272 Luxusmarken, die in Russland Einzelhandelsgeschäfte betreiben und sich an einer jetzt veröffentlichten Studie der Consulting-Firma RRG beteiligten, fuhren im letzten Geschäftsjahr im Schnitt Verluste von über 60 Prozent ein. Hersteller von Kleidung, Schuhen und Accessoires im gehobenen Segment mussten Einbrüche von durchschnittlich 30 Prozent hinnehmen. Beim diesjährigen Winterschlussverkauf wurden sogar Rabatte von bis zu 70 Prozent offeriert. Vor der Krise waren Saison-Ausverkäufe eher die Ausnahme denn die Regel.
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Geiz fanden Russlands neureiche Parvenüs noch nie geil, wer diese Zielgruppe erfolgreich bewerben wollte, musste Exklusivität zu exklusiven Preisen versprechen. Jetzt hat Teuer oft sogar im noblen GUM am Roten Platz Hausverbot. Viele der über 200 auf vier Etagen verteilten Ladenlokale in dem 1893 vom letzten Zaren erbauten Galeriekaufhaus – sind auf günstigere Sortimente umgestiegen, die in Russland als "demokratisch" bezeichnet werden. Einige Edelmarken wie Stella MacCartney oder Vivienne Westwood haben bereits ganz das Handtuch geworfen.
Aus Sicht von Experten haben daran allerdings auch die teuren Kredite, die Kosten bei Geschäftseröffnung – bis zu 15 000 Euro pro Quadratmeter – sowie die hohen Einfuhrzölle und Transportkosten Schuld. Luxus-Boutiquen, so die Wirtschaftszeitung RBK-daily, würden sich erst in sieben Jahren amortisieren. Um die nach wie vor hohen bürokratischen Hürden leichter zu nehmen, kooperieren die meisten westlichen Hersteller von Luxusgütern auch mit hiesigen Partnern. Dabei aber prallen oft Welten aufeinander. Die Wessis denken in längeren Zeiträumen, die Moskowiter oft in ultrakurzen. Ihr Ziel ist daher nicht Kunden- und Marktpflege, sondern Cash auf die Kralle.
Autor: Elke Windisch
