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11. Februar 2012 00:02 Uhr
Die Praktikantin und der Präsident
John F. Kennedys dunkle Seite
Mimi Alford hat 1962 ein Praktikum im Weißen Haus absolviert. Daraus wurde eine 18-monatige Affäre mit Präsident John F. Kennedy. Ihr Buch darüber ist aber keine Skandalchronik geworden.
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Mimi Alfords Buch „Once Upon A Secret“ (Es war einmal ein Geheimnis) über ihre Zeit als Gespielin von John F. Kennedy ist nicht das erwartete Skandalbuch, sondern ein Text über die lähmende Kraft der Lüge. Foto: dpa
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Ein Familienidyll mit dunklen Seiten: Jackie und John F. Kennedy mit ihrer Tochter Caroline Foto: afp
Die Geschichte kennt man von Bill Clinton. Aber auch John F. Kennedy hatte, als er als Präsident der USA im Weißen Haus residierte, Sex mit einer Praktikantin. Und diese war nicht mal alt genug, um zu wählen. Er soll sie sogar genötigt haben, Drogen auszuprobieren, und sie zu Sex mit seinem Assistenten überredet haben. Mit der Bekanntgabe solch pikanter Details als Vorabveröffentlichungen aus dem Buch der Betroffenen wurde tagelang beim Boulevard der Appetit auf mehr geweckt. Nun ist der Band erschienen – und stößt auf ratloses Schweigen. Denn "Once Upon A Secret" (Es war einmal ein Geheimnis), so der Titel, ist nicht der allenthalben erwartete Kennedy-Skandal, sondern ein Text über die lähmende Kraft der Lüge. Und in mehrfacher Hinsicht verstörend.
"Ich glaube nicht, dass das, was ich getan habe, schlecht war", sagte die Autorin Mimi Alford in einem am Mittwoch gesendeten NBC-Interview. "Der 19-Jährigen ging es gut." Frage des Moderators: "Warum weinen Sie dann?" Pause. "Ich weiß." In diesen Sätzen lag mehr Erkenntnis als in den Statements, in denen Historiker diese 18-monatige Sexaffäre den übrigen bekannten Seitensprüngen Kennedy zuordneten. Von der Affäre weiß man seit Jahren. Doch nun warfen Alfords öffentliche Tränen die Erwartungen der Medien über den Haufen, ebenso die Attribute abgeklärter Reife, die sie im Studio zeigte: modisch frisierte weiße Haare, Intellektuellenpullover, akzentuierende Brille. Auch ihr Buch ist, 50 Jahre nach dem Praktikum im Weißen Haus, letztlich ein Ringen um Fassung.
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Alford, die auf einer Mädchenschule in Connecticut den Spitznamen "Affe" erhalten hatte, erlebte 1961 mehrere Wunder. Erst hatte sie die Idee, für die Schülerzeitung die First Lady Jackie Kennedy zu interviewen, eine frühere Absolventin ihrer Schule, aber diesen Wunsch erfüllte man ihr nicht. Doch dann durfte sie ins Weiße Haus reisen, eine Mitarbeiterin der Präsidentengattin treffen und kurz auch den Präsidenten. Ein Jahr später erhielt sie die Einladung zu einem Praktikum in der Pressestelle des Weißen Hauses – obwohl sie sich dafür gar nicht beworben hatte. Und vier Tage später lag sie unter Kennedy im Bett seiner Frau. Sie hatte bis dahin nur einen Jungen geküsst – einmal.
Die Einladungen in den chronisch überheizten Präsidentenpool durch Kennedys persönlichen Assistenten Dave Powers sowie die großzügigen Daiquiri-Cocktails unmittelbar vor dem ersten Sex legen ein gut vorbereitetes Arrangement nahe. Powers war es später auch, der die Logistik der außerehelichen Treffen des Präsidenten organisierte, samt Wochenendtransport vom College nach Washington. Alford machte ihre Hausaufgaben in Limousinen und in Flugzeugen, von Gleichaltrigen zog sie sich zurück.
"Overpowering" hat im Englischen dieselbe Doppelbedeutung wie das deutsche "Überwältigung" – das junge Mädchen setzte dem charmanten Führer der Freien Welt auch ohne Gewalt nichts entgegen. Erstaunlicher ist Kennedys eigene Sorglosigkeit: Er benutzte keine Verhütungsmittel, ließ die Ex-Praktikantin im Weißen Haus übernachten und nahm sie sogar mit auf Reisen. Er aß mit ihr Roastbeef und Spiegelei in seiner Küche und veranstaltete in der Badewanne Rennen mit Gummi-Enten. Es war ein Märchen.
Andererseits musste sie im Gepäckflugzeug reisen und ständig auf ihn warten. Sie bekam nie einen Kuss und nannte ihn bis zum Schluss "Mr. President". Und es gab eine dunkle Seite an Kennedy, die es ihn genießen ließ, anderen seine Macht über sie zu demonstrieren.
"Es war, was es war", sagt die 68-Jährige heute. Die zweite Hälfte ihres Buches beschreibt eine lange Reise zu sich selbst, zu einer Person, die sie nach Kennedys Ermordung abgeschafft hatte: Ihr erster Mann heiratete sie nur unter der Bedingung, dass sie nie über die Affäre reden würden. Wie die Sprachlosigkeit zu einer alles verschlingenden Stille wurde, beschreibt das Buch eindrucksvoll, ebenso die emotionale Verkümmerung einer Frau, die ihre heftigsten Jugendeindrücke verdrängt hat.
Das Ende dieser Biographie, wenn Alford das Glück ihrer zweiten Ehe beschreibt, klingt allerdings unheimlich: Der neue Gatte überzeugt durch eine Vorliebe für Rosenkohl und wöchentliche Haushaltspläne. Dass er "die größte Liebe meines Lebens" ist, pfeift hohl durch ein Buch, in dem der Schmerz über den Verlust des Ritters im Weißen Haus mit Händen zu greifen ist. Auch wenn der immer nur sich selbst gehörte.
"Once Upon A Secret" ist eben ein Märchentitel, und die Danksagung, die die Autorin am Ende über dem Grab des Präsidenten flüstert, ist das bizarre Eingeständnis, wie schwer es fällt, auf Märchen zu verzichten. Über Kennedy sagt das Buch in seiner zwangsläufigen Einseitigkeit nicht allzu viel aus. Als Psychogramm könnte es aber bleibenden Wert haben für eine Gesellschaft, die heute offen über Politiker-Fehltritte debattiert, die betroffenen Frauen aber kaum thematisiert.
Autor: Jens Schmitz


