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07. September 2010
Kurzer Auftritt
Der erste Tag im Kachelmann-Prozess endet nach zehn Minuten / Anwalt lehnt Richter ab.
MANNHEIM. Der angebliche "Strafprozess des Jahres" kam am Montag nicht weit. Kaum war die Verhandlung gegen Wettermoderator Jörg Kachelmann am Landgericht Mannheim eröffnet, wurde sie auch schon vertagt. Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock hatte einen Befangenheitsantrag gegen zwei der fünf Richter gestellt.
Der Befangenheitsantrag richtete sich gegen den Vorsitzenden Michael Seidling und die Beisitzerin Daniela Bültmann. Zum Inhalt des 67-seitigen Schriftsatzes wollte Anwalt Birkenstock nichts sagen, allerdings wird schon seit Wochen über eine eventuelle Befangenheit von Seidling spekuliert. Hintergrund ist eine mögliche Bekanntschaft des Vorsitzenden mit dem Vater von Sabine W. (Name geändert), der Ex-Freundin Kachelmanns, die dieser vergewaltigt haben soll.Richter Seidling ist zweiter Vorsitzender des TSV Oftersheim, Vater W. war bis 2007 Vorsitzender des TV Schwetzingen. Beide Orte grenzen aneinander, die Vereine kooperieren beim Handball und in der Leichtathletik. Sabine W. war früher als Leichtathletin aktiv. Als Richter Seidling von der Schweizer Sonntagszeitung auf den Sachverhalt angesprochen wurde, sagte er nach deren Darstellung: "Ich kenne weder den Vater noch das Opfer, es gibt keine Nähe zwischen uns." Kachelmann-nahe Beobachter glauben das aber nicht und sprechen von einem "lokalen Klüngel". Dass Seidling dabei Sabine W. als "Opfer" bezeichnete statt als "mutmaßliches Opfer", zeige ebenfalls seine Voreingenommenheit.
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Zumindest der Befangenheitsantrag gegen Seidling könnte Erfolg haben, schließlich muss ein Richter nicht objektiv befangen sein, um aus dem Prozess entfernt zu werden. Laut Gesetz genügen bereits Umstände, die in der Bevölkerung "Misstrauen gegen die Unparteilichkeit" rechtfertigen. Das dürfte durchaus der Fall sein, wenn ein Richter, der zum sozialen Umfeld des mutmaßlichen Opfers zählt, über einen Angeklagten zu Gericht sitzt, der zudem aus dem Schweizer Ausland kommt. Was Richterin Bültmann vorgeworfen wird, ist bisher nicht ersichtlich.
Klar ist aber, warum Anwalt Birkenstock die Kammer attackiert. Als Kachelmann noch in U-Haft saß, haben die Mannheimer Richter Anfang Juli die Entlassung des Moderators abgelehnt. Sie stuften seine Aussage, er habe nur einvernehmlichen Sex mit Sabine W. gehabt, als wenig plausibel ein. Erst das Oberlandesgericht Karlsruhe hat einige Wochen später die Freilassung von Kachelmann angeordnet, einen dringenden Tatverdacht verneint und zugleich die Glaubwürdigkeit von Sabine W. in Frage gestellt.
Über die Befangenheitsanträge entscheidet nun die Mannheimer Strafkammer ohne die Richter. Das Ergebnis wird am nächsten Montag verkündet. Sollten die Anträge Erfolg haben, müssen Ersatzrichter nachrücken. Ein Ergänzungsrichter saß am Montag vorsorglich bereits auf der Richterbank.
Neben Kachelmann war überraschend auch die Nebenklägerin Sabine W. erschienen. In ihrem schwarzen Blazer wirkte die große blonde Frau wie eine Anwältin. Kaum jemand erkannte sie, da es bisher immer hieß, sie werde erst im Oktober zu ihrer Zeugenaussage ins Gericht kommen. W. wirkte ebenso ernst wie der Angeklagte Jörg Kachelmann, der rasiert und im dunklen Anzug erschien. Beide mieden den Blickkontakt.
Vor dem Verfahren hatte Comedian Oliver Pocher für Klamauk gesorgt. Er fuhr in einem großen schwarzen Van vor, kostümiert als Jörg Kachelmann, allerdings mit Drei-Tage-Bart und weißem T-Shirt. Der gewaltige Medientross, der sofort in seine Richtung gelaufen kam, hatte es nicht besser verdient. Später fuhr vor dem Gericht noch eine Stretch-Limousine mit 14 vermeintlichen Kachelmann-Gespielinnen vor. Aber da waren die meisten Journalisten bereits mit der Einlasskontrolle beschäftigt.
Der Prozess fand nämlich unter so massiven Sicherheitsvorkehrungen statt wie bei einem Terrorprozess. Selbst die Schuhe der Besucher wurden inspiziert. Gesucht wurden aber nicht Pistolen und Sprengstoff, sondern Minikameras und Handys. Das Gericht wollte vermeiden, dass Bilder aus dem Prozess später im Internet zu sehen sind.
Auf dem Presseplatz der Bild-Zeitung saß am Montag übrigens Alice Schwarzer. Das Boulevardblatt hatte seine Zulassung an die Emma-Journalistin abgetreten, die den Prozess nun kommentiert. Zeitweise wirkte es, als sei Schwarzer die eigentliche Attraktion. Vor und nach der Verhandlung gab die Feministin mehr Interviews als alle Anwälte zusammen.
Autor: Christian Rath


