Mächtigster Mafia-Clan aus Italien

dpa

Von dpa

Do, 06. Dezember 2018

Panorama

Die ’Ndrangheta dominiert den Drogenhandel zwischen Südamerika und Europa und legt ihr Geld auch in Deutschland an.

WIESBADEN/ROM (dpa/BZ). Ihre Wurzeln reichen zurück bis ins 19. Jahrhundert: Heute gilt die kalabrische ’Ndrangheta als die weltweit mächtigste italienische Mafia-Organisation. Sie dominiert den Drogenschmuggel von Südamerika nach Europa. Das war auch ein Grund für die internationale Razzia am Mittwoch. Experten beziffern den Umsatz des Clans mit kriminellen Geschäften auf 50 bis 100 Milliarden Euro im Jahr. In Deutschland werden ihm 344 mutmaßliche Mitglieder zugeordnet.

Seit langem warnen Ermittler in Italien davor, dass die ’Ndrangheta ein außerordentlich wichtiges Standbein in Deutschland hat. Im Sommer erklärte die italienische Anti-Mafia-Behörde, dass die kalabrische Mafia in Deutschland ähnliche Strukturen aufgebaut habe wie in ihrer Heimat. Deutschland, darunter der Hamburger Hafen, seien für den Drogenhandel von "besonderem Interesse" für die Clans. Auch über Rotterdam und Bremerhaven sollen Drogen geschmuggelt werden. Die ’Ndrangheta steht im Verdacht, einen Großteil des weltweiten Kokainhandels abzuwickeln.

Laut eines Berichts der Anti-Mafia-Behörde hat die Vereinigung hervorragende Kontakte zu südamerikanischen Drogenkartellen. Das Kokain kommt vorwiegend aus Bolivien, Kolumbien und Peru. Über Westafrika wird es dann nach Europa geschmuggelt. Vor Ort überlässt man das Geschäft gerne Clans oder Rockergruppen, berichtet Autor David Schraven, der ein Buch zur "Mafia in Deutschland" veröffentlicht hat. Vermögen der ’Ndrangheta sei wohl gezielt und reichlich in den deutschen Immobilienmarkt geflossen, hatte die Bundesregierung im Juni berichtet. Im vergangenen Jahr hatte der Gesetzgeber nach langem Zögern reagiert und die Möglichkeiten verbessert, illegal erworbenes Vermögen zu beschlagnahmen. In Deutschland kauft der Mafia-Clan auch gezielt Restaurants auf und verlangt von den Wirten, Produkte aus Kalabrien zu beziehen.

Zwar gelingen italienischen Ermittlern immer wieder Schläge gegen die Clans, jedoch streckt die ’Ndrangheta ihre Tentakel immer weiter aus. Anders als es in Filmen dargestellt wird, führt die Mafia wenige blutige Straßenkämpfe aus. Stattdessen agiert sie meist im Verborgenen und infiltriert staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen. Doch im August 2007 geriet die ’Ndrangheta dennoch in Deutschland in die Schlagzeilen. Auf ihr Konto gingen die Mafia-Morde von Duisburg. Vor einer Pizzeria wurden sechs Menschen erschossen. Ein Streit zwischen dem Pelle-Vottari-Clan und dem Strangio-Nirta-Clan war der Auslöser für die Bluttat. Anders als in Italien gibt es in Deutschland keine strengen Anti-Mafia-Gesetze. Dort ist schon die Mitgliedschaft in einer mafiösen Organisation eine Straftat – in Deutschland nicht. Ein Drittel der 585 mutmaßlichen Mafiosi in Deutschland lebt laut Angaben des Landesinnenministeriums in Baden-Württemberg. Im Januar 2018 wurden auf Antrag der italienischen Strafverfolgungsbehörde vier Personen festgenommen. Sie sollen Mitglieder der ’Ndrangheta gewesen sein und schwere Straftaten wie beispielsweise Erpressung und Geldwäsche begangen haben. Bei der aktuellen Razzia gab es keine Festnahmen in Baden-Württemberg. Traditionell ist die Mafia auch in Nordrhein-Westfalen stark vertreten. Insgesamt zählt die Polizei dort etwa 120 Personen zum Spektrum "Italienische Organisierte Kriminalität" (IOK). Sie werden vor allem den mafiösen Organisationen der ’Ndrangheta, und der Cosa Nostra zugerechnet. Aufgefallen sind sie wegen Steuerhinterziehung, Drogenhandel und das "Verschieben" von Autos ins Ausland.