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04. Februar 2012
Winterwetter
Flucht in die Sauna: Manche mögen’s heiß
Bei klirrender Kälte sind Saunen ideale Fluchtpunkte. Aber nicht übertreiben, sonst wird einem die Wärme rasch zum Verhängnis. Keine Hektik und viel trinken lautet daher die Devise.
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Schnell noch rein ins Schwitzbad, vor dem nächsten Aufguss Foto: friese/dapd
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Abtauchen in die Wohlfühlwelt Foto: Brigitte Sasse
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In der Sauna brechen seine finnischen Wurzeln durch: Jussi Hanssen mit Tochter Tarja (1). Foto: Marcel Burkhardt
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Zusammen den Alltag ausschwitzen: Saunabesucher mit Saunameister beim Aufguss Foto: dpa (1)/Burkhardt (2)/Sasse (1)
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Foto: pixelio.com/friese
Nun, da der Winter doch noch mit grimmiger Eiseskälte über Deutschland hereingebrochen ist, vermisst Jussi Hanssen das Heimatland seiner Mutter am meisten. Genauer: Er vermisst das finnische Nationalheiligtum in seiner urigen Form – einen hölzernen Schwitzkasten in einer Hütte an einem See. "Wären wir jetzt in der Ferienhütte meiner Eltern im Süden Finnlands, würden wir den Saunaofen ordentlich anheizen, und es uns dann so richtig gut gehen lassen", sagt der 40-jährige Rheinhesse und lacht. "Wir würden ein wenig Teer oder Bier ins Aufgusswasser kippen und den herrlich heißen Duft genießen."
Teer oder Bier? Aber ja, meint Hanssen. Einfach ein paar Spritzer davon in einen Bottich voll Wasser mischen und dann nach und nach auf die glühend heißen Saunasteine gießen. Der dunkelblonde Bauingenieur aus Ingelheim am Rhein schließt einen Moment lang die Augen, atmet tief ein. Der Duft, an den er sich jetzt erinnert, lässt ihn zufrieden lächeln. "Wenn du Teer nimmst, dann riecht es würzig wie in einem alten Segelboot. Ein paar Spritzer Bier und die ganze Sauna duftet nach frisch gebackenem Brot."
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Dazu gäbe es dann natürlich noch ein paar sanfte Schläge mit der Vihta – auf Beine, Arme, Bauch, Rücken und sogar vorsichtig ins Gesicht. Was für den Laien zunächst etwas bedrohlich klingt, ist für Kenner wie Jussi Hanssen absoluter Genuss. Die Vihta ist ein Büschel aus dünnen Birkenzweigen. Rechtzeitig vor dem Winter geschnitten und getrocknet, sind die Zweige nicht entblättert. Das leichte Peitschen schmerzt nicht, bringt die Blutzirkulation in der 80 bis 100 Grad heißen Sauna aber so richtig in Schwung.
darf mit in die Sauna.
Die Sauna, sagt Hanssen, gehört dort zum Alltagsleben wie in anderen Ländern der Besuch im Sportlerheim oder Fitnessklub. Es ist ein zentraler Treffpunkt für die Familie, für Freunde. Über Jahrhunderte hinweg war die Sauna der einzige Raum mit heißem Wasser. Früher sollen die finnischen Frauen dort sogar ihre Kinder zur Welt gebracht haben. Und auch in der Moderne scheuen sich Finnen nicht, Babys mit in die Sauna zu nehmen.
"Die Kleinen bleiben natürlich nicht so lang drinnen wie Erwachsene", sagt Hanssen und blickt auf seine eineinhalbjährige Tochter Tarja, die er schon häufig mit in die Sauna genommen hat. "Für die Kleinen ist das in Maßen sehr wohltuend."
An diesem Vormittag ist es selbst im sonst so wärmeverwöhnten Ingelheim eiskalt und grau. Alles liegt unter einer dicken Raureifdecke. Eigentlich ein ideales Saunawetter. Wer Hanssen aber vorschlägt, er könne seine Sauna-Sehnsucht in einem öffentlichen Schwitzbad stillen, der erntet bloß ein mildes Lächeln. "Die Sauna ist für uns eine sehr private Sache", sagt er. Der Gedanke, schwitzend Schulter an Schulter mit Fremden sitzen zu müssen, behagt ihm nicht wirklich. "Wenn du in die Badewanne gehst, willst du ja auch nicht, dass sich einfach so ein Fremder dazusetzt", sagt er.
"Dazu kommen diese grauenhaften Regeln in Deutschland, dass du so und so lange in der Sauna bleiben musst – da lachen sich die Finnen tot. Dort bleibt jeder so kurz oder so lange, wie er mag." Hanssen lacht kurz auf. "Vor 20 Jahren hab ich es in Köln einmal probiert mit einer öffentlichen Sauna." Das Ergebnis für den Mann, der das "kurze, knackige Saunieren mag", war ein Kreislaufzusammenbruch.
"Ich war da eine Viertelstunde drinnen, hab eine ganze Aufgusszeremonie mitgemacht und wollte mir keine Blöße geben vor den anderen – am Ende ging nichts mehr, ich war völlig ausgeknockt." Und das als junger, kerngesunder Bursche, der zuvor acht Wochen lang in Finnland täglich in der Sauna war.
und lächeln
Reichlich Wasser oder Saft trinken, etwas Leichtes essen, gründlich duschen und sich Zeit nehmen beim Herantasten an die Hitze. Keine Hektik! Kein Stress! Das sind nur einige Ratschläge, mit denen Jörg Kauffmann Sauna-Neulinge vor ihrem ersten Gang ins Schwitzbad versorgt. Der groß gewachsene, athletische Mann aus dem Sauerland leitet eines der traditionsreichsten und berühmtesten Heilbäder Deutschlands, die Kaiser-Friedrich-Therme in Wiesbaden. In ihren altehrwürdigen Hallen trifft sich die ganze Welt zum Baden und Saunieren. Hinterm Eingang riecht die warme Luft nach ätherischen Ölen. Wer in diese Duftwolke tritt, atmet unweigerlich tief ein, viele Besucher lächeln. Gerade waren sie noch draußen in der deutschen Winterkälte – jetzt betreten sie eine echte Wohlfühlwelt.
Die internationalen Besucher, die zum ersten Mal da sind, erleben zu Beginn oft ein paar irritierende Augenblicke. Denn in der Therme sind alle Gäste nackt unterwegs. "Das reine Nacktsaunabaden ist eine wirklich deutsche Sache", sagt Kauff-mann. "Da müssen sich Touristen erst mal dran gewöhnen.
Vor allem die Amerikaner sind ziemlich verklemmt, wenn sie zum ersten Mal nackig durch die Saunalandschaft spazieren", beobachtet Kauffmann immer wieder.
"Aber auch Italiener und Franzosen brauchen eine Weile, um sich daran zu gewöhnen – nur Chinesen und Japaner sind da lockerer."
Die Wiesbadener leben mit ihrem Nacktheitsgebot aber keinen Tick aus, versichert Kauffmann. Das Saunieren ohne Badehose oder Badeanzug hat hygienische Gründe. Und, ganz wichtig: Kein Badegast werde angestarrt oder beobachtet. Alle sind ja schließlich nackt und ohne Maskerade. "Da sitzen dann Professoren, Doktoren, Großindustrielle, Bankerinnen, Hausfrauen, Studenten und Rentner, wie Gott sie schuf, nebeneinander und schwitzen den Alltag zusammen aus." Eine feine Sache, findet Kauffmann.
Tatsächlich fühlt sich das Nacktherumlaufen unter Fremden auch für den Sauna-Neuling nach ein paar Minuten nicht mehr seltsam an. Ganz kurz kommt einem noch einmal der Gedanke in den Sinn, die vielen Bade- und Sauna-Stationen nach einem festen Plan abzuarbeiten. Aber wer denkt hier noch an Pläne und Arbeit – in einer großen Halle, in der Marmorlöwen streng auf die Badenden herabblicken, die sich ihrerseits beim Aufwärmschwimmen vor dem Saunagang an üppigen Wandgemälden mit nackten antiken Schönheiten erfreuen.
Das Einzige, was einen noch halbwegs im Hier und Jetzt hält, ist eine kleine Wanduhr, deren dickes, schwarzes Ziffernblatt anzeigt, dass die nächste Aufgusszeremonie in der finnischen Sauna naht. Auf einer Schiefertafel neben dem Sauna-Eingang steht für zwölf Uhr mittags "Kiefer-Birke" eingetragen. Jörg Kauffmann zählt diesen Duft zu den "Gesundheitsdüften". Im Gegensatz zu exotischen "Duftspielereien" wie "Ananas-Minze" oder "Zitronen-Orange".
Fünf vor zwölf wird es voll auf den Holzbänken der finnischen Sauna. Die meisten Leute sitzen still beieinander. Zwei ältere Herren dagegen unterhalten sich prächtig und laut miteinander, über einen ihrer Kumpels, "den Fritz, den Casanova", über "Wulff, den Schlawiner" und schließlich diskutieren sie noch über den Frankfurter Flughafen, den immer stärkeren Krach am Himmel und über "Bouffier, den Lärmterroristen". Einige Saunagäste verdrehen die Augen, und es wird einem klar, weshalb Jussi Hanssen das private Saunavergnügen vorzieht. Doch dann ist plötzlich Stille. Eine junge, blonde Frau steht in der Tür und lächelt in die Runde: "Sind Sie bereit für den Aufguss?" Einige klatschen, aber klar, darauf haben sie ja alle gewartet.
Die Saunameisterin trägt ein blütenweißes T-Shirt und weiße Hosen. In der Hand hält sie einen Eimer voll Wasser. Mit einem Handtuch durchwirbelt sie die Luft, bevor sie die erste Schöpfkelle voll Wasser auf die heißen Saunasteine schüttet. Der Dampf trifft auf die Haut wie ein Gluthauch. Ein brennender Schmerz, bevor der Schweiß endlich in Strömen fließt. Wer auf der Saunabank ganz oben sitzt, hat bald ein krebsrotes Gesicht. Keiner spricht mehr ein Wort, jeder ist mit dem vorsichtigen Einatmen der höllisch heißen, nach Birke und Kiefer duftenden Luft beschäftigt.
"Geht es allen gut? Alle bereit für den nächsten Aufguss?", fragt die freundliche Saunameisterin, während sie wieder mit dem Handtuch herumwirbelt. "Naja, noch geht’s", wäre wohl die richtige Antwort in diesem Augenblick. Und: "Darf ich doch ganz schnell raus vorm dritten Aufguss?" Aber da geht es einem wie Hanssen, der die Zeremonie nicht zerstören wollte. Also hinlegen, durchhalten, Ruhe bewahren. Dabei fühlt sich der Körper an, als würde er gleich verglühen. Irgendwann zischt der letzte Wasserdampf auf. Höchste Zeit, aufzuspringen und der Saunameisterin zu folgen. Es ist ein ganzer Trupp, der aus der Hitze flüchtet – nur die beiden alten Herren bleiben sitzen und lachen sich an.
Jetzt bloß ganz schnell ein ruhiges Plätzchen zum Durchschnaufen und Abkühlen finden. Wer die Hitze nicht so gut vertragen hat, lässt sich schlapp und bleich auf eine Marmorbank fallen. Einfach die Augen schließen, die kühle Luft einatmen, ausatmen, einatmen. An nichts denken, während sich im Kopf alles dreht und sich ein wahnsinniges Kribbeln in Händen und Beinen breit macht, als würde eine Armee Ameisen darüber hinweg marschieren. Ein paar große Schlucke Wasser aus dem Hahn, dann kommen die ersten klaren Gedanken zurück. "Langsam an die Wärme herantasten", hatte Jörg Kauffmann noch gesagt. Und: "Ein echter Sauna-Genießer kennt seine Grenzen und übertreibt nicht."
Manche Sauna-Besucher mögen’s aber besonders heiß. Es sind nicht jene, die Kauffmann am meisten mag. Es sind jene, auf die er aber ein besonderes Auge haben muss – "weil die es permanent übertreiben und dann kurz vorm Umkippen sind." Der Saunameister versucht es dann mit ernsten Worten der Vernunft, findet aber nicht immer Gehör.
Ingo Froböse, Professor für Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln, beobachtet dieses Phänomen des Sauna-Wettkampfes unter Männern seit langem. "Männer bekommen in der Sauna klassische Herausforderungen, die sie lieben. Wie viel Grad halte ich aus, 90, 95 oder 100? Wie viele Aufgüsse kann ich noch ertragen?", sagt er und lacht. "Viele Männer testen in Saunen gern ihre Grenzen." Dann aber wird der Mediziner ernst, als er davor warnt, den Saunabesuch als Extremsport zu betrachten. "Das kann böse ausgehen."
Sauna gern ihre Grenzen.
Wer die Sauna besucht, denkt nicht gern an solche Gruselgeschichten. Denn an sich ist so ein regelmäßiger Saunagang eine Wohltat für Körper und Geist. Die Finnen sagen: Die Sauna vertreibe alle Sorgen und Krankheiten. In jedem Fall entspannt sie, stärkt das Immunsystem, regt Kreislauf und Stoffwechsel an. Jene Gäste, die vorhin ganz schnell raus mussten aus der Extremhitze der finnischen Sauna, planschen nun entweder im Whirlpool oder liegen schon im "Tepidarium", einem Raum mit 40 bis 45 Grad warmer Luft. Eingewickelt in Tücher liegen die Gäste dort in absoluter Ruhe. Die meisten haben die Augen geschlossen und ihre tiefen, gleichen Atemzüge verraten, dass sie die moderne Winterwelt da draußen für eine Zeit lang wirklich vergessen haben. Noch wohliger kann einem wohl kaum sein – höchstens vielleicht in einer finnischen Holzsauna, in der die Luft nach frisch gebackenem Brot duftet.
Autor: Marcel Burkhardt


