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03. August 2012 01:01 Uhr

Sprengstoff in Berlin

Pulverfass Rockerszene

Die Rockerszene ist im Umbruch. Einen offenbar in Berlin geplanten Sprengstoffanschlag konnte die Polizei vereiteln. Dennoch rechnen die Ermittler damit, dass es dort jederzeit knallen kann.

  1. Bandido-Mitglieder wollten in Berlin offenbar mit einem Sprengstoffkommando Überläufer hinrichten. Foto: dapd

Mit 700 Gramm Sprengstoff im Kofferraum war ein skandinavisches Hinrichtungskommando der Bandidos unterwegs nach Berlin, als es Anfang Juli von Ermittlern im Rostocker Hafen gestoppt wurde. Das wurde zuletzt bekannt. "Wir haben Erkenntnisse, dass ein Anschlag in Berlin geplant gewesen sein soll", sagt Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Ziel des Attentats sollen vermutlich Überläufer gewesen sein.

2010 hatten sich in der Hauptstadt etwa 80 Bandidos in einer nie dagewesenen Aktion den verfeindeten Hells Angels angeschlossen. Nach Rockermaßstäben entspricht das Hochverrat, der gerächt werden muss. Geknallt hat es schon. Mit sechs Kugeln wurde in diesem Juni ein Hells-Angels-Oberer im Plattenbaubezirk Hohenschönhausen niedergestreckt. Der 47-Jährige überlebte nur knapp. Ein paar Wochen später fielen Schüsse auf zwei Bandidos.

Die Gefahr ist der Staatsanwaltschaft zufolge längst nicht gebannt. Es ist übliche Praxis, dass für diese Rachejobs Gruppen aus dem Ausland kommen, sagt ein Kenner der Szene. Weitere Versuche seien nicht ausgeschlossen. Die Polizei kontrolliert an der Grenze zu Dänemark nun verstärkt skandinavische Autos.

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Angesichts der Selbstauflösungen von Rockerclubs in den vergangenen Wochen konnte der Eindruck entstehen, die Rockerszene sei derzeit im Rückwärtsgang unterwegs: In Berlin, Potsdam, Bremen, Schwerin, Pforzheim und Hannover gaben die Hells Angels das Ende einiger ihrer sogenannten Charter bekannt. Meist reagierten die Rocker damit auf Verbotsverfahren oder Razzien durch die Polizei. Auch den Ableger "Berlin del Este" der verfeindeten Rockergruppe Bandidos gibt es seit Mitte Juli nicht mehr. Der "Hells Angels MC Berlin City" allerdings bekam frühzeitig Wind von einer groß angelegten Durchsuchung und ging just einen Tag vorher auseinander. Noch immer sucht die Berliner Polizei nach der undichten Stelle in den eigenen Reihen.

Die Zahl der Hells-Angels-Charter schrumpft indes nicht, sie wächst sogar. Seit Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) den "Hells Angels MC Berlin City" am 30. Mai per Verfügung verboten hat, sind allein in der Hauptstadt und dem Umland fünf neue Charter gegründet worden. Von Rückwärtsgang kann also keine Rede sein. Razzien und Verbote sorgen lediglich für eine Umstrukturierung der Rockerklubs, die sich kurzerhand neu sortieren und anders benennen.

Ausschlaggebend für die zuletzt verstärkten Ermittlungen im Rockermilieu sind die immer härteren Revierkämpfe. Es geht um die Vormacht in Bordellen, Kneipen und Nachtclubs. Berlin und Umgebung gelten als lukratives Pflaster und sind daher Zentrum der Auseinandersetzungen. In Karlsruhe sowie in Städten in Sachsen und Brandenburg wurden am Mittwoch Wohnungen und Treffpunkte von Ex-Mitgliedern des aufgelösten Berliner Charters durchsucht. "Wir sind auf der Suche nach verbotenem Vereinsvermögen, versuchen Strukturen aufzudecken und haben dafür Computer, Dokumente und Kleidung mit Insignien des verbotenen Ablegers sichergestellt", sagt Volker-Alexander Tönnies, Sprecher der Berliner Polizei.

In Berlin kontrolliert der Motorradclub das Rotlichtmilieu, betreibt Rauschgift- und Waffenhandel und erpresst Schutzgelder. Polizeisprecher Tönnies drückt es so aus: "Das ist kriminelle Energie in Reinform." Bei den Razzien, die schon seit Monaten bundesweit in der Rockerszene stattfinden, geht es den Ermittlern auch darum, Beweise zu finden, die Vereinsverbote rechtfertigen. "Wir werden die Rocker in einen Zustand der ständigen Ruhelosigkeit versetzen", verspricht der Berliner Innensenator Henkel. Allerdings klagen die Höllenengel gegen die Verbotsverfügung vor dem Berliner Verwaltungsgericht.

Autor: Arne Bensiek