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29. Juni 2012

Die Tote von Hildburghausen

Rätselhafte Dunkelgräfin

Seit 175 Jahren ranken sich Mythen um eine Tote in Hildburghausen / Jetzt wird sie exhumiert.

BERLIN. Ist sie es? Ist sie es nicht? Am Mittwochabend hat der Stadtrat von Hildburghausen mit großer Mehrheit entschieden, ein Geheimnis zu lüften, das den südthüringischen Ort seit 175 Jahren beschäftigt: Wer ist die Tote, die am 28. November 1837 im Alter von 59 Jahren in einem Wäldchen nahe der Stadt begraben wurde?

Es ist eines der größten Rätsel der thüringischen Geschichte. "Hier ruht die Dunkelgräfin", lautet eine Inschrift auf der kleinen Steinpyramide, die noch heute über der Grabstelle steht. "Dunkelgräfin" war nur der Spitzname, den ihr die Leute gaben. Wer war die Dame wirklich?

Es gibt mittlerweile mehr als 200 Fachaufsätze, Bücher und Artikel zu der Frage. Alle kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Für die einen ist die Tote Marie Thérèse Charlotte, Tochter des französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette. Die beiden wurden 1793 in Paris auf der Guillotine hingerichtet. Ihre Tochter soll von einem Gefängniswärter geschwängert worden sein und wurde angeblich von der Familie später vertauscht.

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Am 7. Februar 1807 jedenfalls tauchte eine junge Frau in Hildburghausen auf. Ihr Begleiter war, wie sich später herausstellte, der holländische Diplomat am Pariser Hof, Leonardus Cornelius van der Valck. Beide lebten fortan unerkannt in Hildburghausen und bekamen die Spitznamen Dunkelgraf und Dunkelgräfin, weil sie sich nicht in der Stadt zeigten, zurückgezogen lebten und nur sehr wenige Diener hatten. Wenn die geheimnisvolle Dame einmal im Garten spazieren ging, dann verschleiert. Angeblich wegen der großen Ähnlichkeit zur französischen Königsfamilie. 30 Jahre lebte die Dame im Verborgenen. Nur zweimal soll sie mit Fremden gesprochen haben.

Nun soll das Mysterium um die Madame Royale geklärt werden. 2004 hatte der Stadtrat von Hildburghausen noch per Beschluss eine Öffnung des Grabes und die Exhumierung der Knochen verboten. Am Mittwoch hat man, so Bürgermeister Steffen Harzer (Linke) entschieden, die Lösung des Falles zu ermöglichen. Demnächst soll mit Hilfe des Mitteldeutschen Rundfunks, der an einer Fernsehdokumentation arbeitet, geklärt werden, wer im Wald begraben liegt. Per Gen-Analyse und wissenschaftlicher Genealogie soll das Rätsel endlich geknackt werden.

Entsprechendes Erbmaterial für Vergleiche gibt es schon länger. Vor zwölf Jahren identifizierten Gerichtsmediziner in Münster und im belgischen Löwen eine Reliquie als das Herz des im Alter von zehn Jahren gestorbenen Ludwig XVII. Der Knabe wäre der Bruder der Dunkelgräfin, wenn sie denn die Madame Royale wäre. Und wenn herauskommt, dass sie es gar nicht war? "Auch nicht schlimm", sagt der Bürgermeister. Mit so etwas kennt man sich aus in Thüringen. Vor vier Jahren hatte man ein ähnliches Rätsel geknackt. Wissenschaftler fanden per DNA-Analyse heraus, dass der Friedrich-Schiller-Schädel in der Weimarer Fürstengruft niemals auf dem Leib des großen Dichters gesessen haben konnte. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen.

Autor: Bernhard Honnigfort


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