Schläge für den Sprayer

Willi Germund

Von Willi Germund

Sa, 26. Juni 2010

Panorama

Ein 32-jähriger Schweizer muss für eine Graffiti-Aktion in Singapur büßen.

SINGAPUR. Ein Schweizer ist in Singapur zu drei Stockhieben und fünf Monaten Haft verurteilt worden. Der 32-jährige Oliver F. hatte zugegeben, mit einem Komplizen in das U-Bahn-Depot eingedrungen und zwei Waggons mit Graffiti besprüht zu haben. Für die Aktion bekam er drei Stockschläge und drei Monate, für das widerrechtliche Betreten des Geländes zwei Monate Haft. Die Haftstrafen laufen parallel, so dass er nach drei Monaten entlassen wird.

Zusammen mit seinem britischen Freund hatte der Schweizer Mitte Mai nach ein paar Gläsern Bier ein Loch in den Zaun eines Zugdepots in dem südostasiatischen Stadtstaat geschnitten und sich als Graffiti-Künstler auf zwei Waggons betätigt. Zwei Tage lang prangten die Worte "McKoy" und "Banos" – das Markenzeichen eines berühmten Sprayerduos – auf U-Bahn-Waggons, bevor das Personal die Polizei benachrichtigte. Die Angestellten hatten die Graffiti ursprünglich fürWerbung gehalten. Richter See Kee On verurteilte den Schweizer, der für eine eidgenössische IT-Firma in Singapur tätig war, wegen Vandalismus. "Das war kalkuliertes, kriminelles Verhalten", erklärte er, "er war sich seines Vergehens voll bewusst und muss deshalb auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen." F., der in weißem Hemd und Krawatte zum Gerichtstermin erschienen war, hatte sich am Morgen schuldig bekannt und wurde nach der Urteilsverkündung sofort ins Changi-Gefängnis gebracht.

Singapur praktiziert wie mehrere andere südostasiatische Länder trotz internationaler Proteste die als Caning bekannte Strafe. Die Verurteilten werden auf ein Gestell geschnallt und mit einem biegsamen Rohrstock geschlagen. Die Hiebe hinterlassen tiefe Platzwunden. Singapurs Behörden hatten F. verhaftet, als er den Stadtstaat verlassen wollte. Sie teilten nicht mit, wie er als Täter identifiziert worden war. Aber die Anklage präsentierte E-Mails, mit denen F. die Sprühdosen bestellt hatte. Sein Komplize war nur drei Tage in Singapur zu Besuch. Der Stadtstaat, der erst kürzlich ein Verkaufsverbot von Kaugummi erneuerte, schrieb eine internationale Fahndung nach dem Briten aus und will seine Auslieferung beantragen, wenn er gefunden wird. Gegen F. verhängte der Richter die Mindeststrafe. Er hätte ihn laut Gesetz auch zu acht Stockschlägen verurteilen können. Er habe bei dem Strafmaß berücksichtigt, dass F. Reue gezeigt habe und den finanziellen Schaden begleichen wolle, sagte der Richter. Dennoch müsse die Strafe auch abschreckende Wirkung haben. Der Computerspezialist verfolgte die Plädoyers seines Verteidigers und der Staatsanwältin zwei Stunden fast reglos. Bei manchen Vorwürfen der Staatsanwältin schüttelte er wortlos den Kopf. In der kurzen Pause vor der Urteilsverkündung zeigte er sich schicksalsergeben. Er wolle die Sache hinter sich bringen. "Abschließen, sonst nichts", sagte er.

Der Vorfall ist peinlich für das als Inbegriff der Effizienz bekannte Singapur. Es dauerte zwei Tage, bis das Loch im Zaun entdeckt wurde. Dabei hatten die Behörden eigentlich schon vor Jahren die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, weil sie das U-Bahn-System als ein potenzielles Ziel von Terrorattacken betrachten.