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11. Februar 2012

Träume, made in Germany

Hier geht auch Hollywood ein und aus: Die Babelsberger Filmstudios feiern ihren 100. Geburtstag.

  1. Bitte eintreten: das Portal des Filmparks Foto: dpa/Filmpark

  2. Action muss sein: Stuntshow im Filmpark Babelsberg Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  3. Alles nur Fassade: Häuserkulisse in Babelsberg, wo unter anderem die „Sonnenallee“ gedreht wurde Foto: dpa

  4. Kate Winslet und ihr Vorleser (David Kross) Foto: dpa

Es ist längst Legende, das Studio Babelberg, und zwar eine höchst lebendige. Im ältesten Filmstudio der Welt stehen Hollywoodstars wie Kate Winslet ("Der Vorleser") am Set, im Jubiläumsjahr gibt es Oscar-Nominierungen (Wim Wenders’ "Pina"). Gerade eben wurde hier der bislang teuerste deutsche Kinofilm "Der Wolkenatlas" (rund 100 Millionen Euro) abgedreht. Babelsberg – allein das Wort hat einen mythischen Beiklang. Mit Babylon oder Babel hat es natürlich nichts zu tun. Quer durch den Babelsberger Park schlängelt sich die Nuthe, ein Nebenfluss der Havel. Dort hausen schon seit über 300 Jahren Biber. Die Slawen nannten es daher "Baberow" – der Ort, wo die Biber wohnen –, und Baberow wurde nach und nach eingedeutscht in Babelsberg.

TOTENTANZ, DIE ERSTE

Wo die Biber wohnen, gefällt es auch Kameramann und Filmpionier Guido Seeber. Als er Ende 1911 nach einem Platz für ein neues Filmstudio sucht, entdeckt er die alte Kunstblumenfabrik in Neubabelsberg. Bei Eis und Schnee lässt er ein Glashaus mit 300 Quadratmetern Fläche hochziehen, die Kulisse für mehr als 1000 Mann. Garderoben, Requisiten, Büros und die Filmentwicklung kommen in das Fabrikgebäude nebenan. Die erste Klappe fällt am 12. Februar 1912 bei den Dreharbeiten für den Film "Der Totentanz" mit Asta Nielsen. Es ist die Geburtsstunde des "Studio Babelsberg". Hollywood entsteht erst zwei Jahre später.

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EINE RUNDE FLIPPERN

Charmeure, Mörder, Helden – sie alle bevölkern das Filmstudio und seit 1991 auch den Film- und TV-Erlebnispark, der gleich nach der Wende auf dem Gelände gebaut wird. Hier geht es zu wie bei Alice im Wunderland. Über die Straße der Giganten – in Form eines Filmstreifens natürlich – stolpert man in immer neue Traumwelten und Abenteuer. Rechts und links der Hauptstraße biegen kleine, von Hecken begrenzte Wege ab. Gleich der erste führt zu einem mächtigen Vulkan. Zweimal täglich spuckt er Feuer, wenn knallharte Kerle und ebensolche Frauen es bei einer Stuntshow heftig krachen lassen. Hinter der nächsten Abzweigung, man spaziert am originalen Bauwagen der ZDF-Kinderserie "Löwenzahn" vorbei, liegt das 4-D-Actionkino.

Warnhinweise am Eingang für Schwangere und Menschen mit Bluthochdruck lösen leichtes Bauchkribbeln aus. Die 3-D-Brillen vor den Augen, sitzt man eingesperrt in der kleinen Box. "Anschnallen, bitte, und alle Taschen sicher auf den Boden stellen," ordnet eine Mitarbeiterin an. Die Türen werden geschlossen, und los geht’s. Was folgt, ist die rasante Fahrt einer Flipperkugel durch den Automaten. Und der Zuschauer ist mitten drin. Er ist die Kugel, die abgeschossen wird, die gegen Hindernisse prallt, mit ihm wird Flipper gespielt. Die hydraulischen Sitze wackeln und vibrieren. In den Sitzreihen grölen begeisterte Jugendliche. Wind bläst durch die Haare, künstliche Rauchwolken vernebeln die Sicht. Klong, zong, weg ist die Kugel. Fünf Minuten hat der Spaß gedauert, dann steht man, durchgeschüttelt und begeistert von der perfekten Illusion, wieder auf der Straße der Giganten.

Wer will, macht dann einen Abstecher nach Panama, Janoschs Traumland. Links führen verschlungene Pfade von einer Märchenwelt in die nächste – vom Urwald über eine Mittelalterstadt in die Welt des kleinen Muck. Momentan gibt es 16 verschiedene Attraktionen und vier Shows im Filmpark Babelsberg, ständig kommen neue hinzu. Auch die Touren ändern sich von Saison zu Saison. Der ganze Komplex lebt von Veränderungen.

HIER SINGT MARLENE

Die Traumfabrik – das Gelände ist so groß wie 21 Fußballfelder – ist umzäunt, man betritt sie durch eine Schranke. Gleich rechts vom Eingang geht es zu den Studios, in denen die Vorabendserie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" nun schon im 20. Jahr gedreht wird, links beginnt die Rundfahrt durchs Gelände. Ein "Guide" begleitet die Besucher zu einer kleinen Bimmelbahn. Gemächlich schleicht sie auf ein langestrecktes weißes Gebäude zu. Wir sind an der "Marlene Dietrich Halle". Hier wurde "Der blaue Engel" gedreht.
Beim Vorbeifahren schallt Marlenes Stimme keck aus dem Lautsprecher: "Ich bin die fesche Lola, der Liebling der Saison ...". Und wenn die alte Aufnahme noch so krächzt und ächzt, sie zieht alle in ihren Bann. Mit diesem Lied hat Marlene Dietrich nicht nur den unseligen Professor Unrat betört. Der Film war ein Kassenschlager und machte sie 1930 zum Weltstar.

Die Fahrt geht weiter, der Blick fällt auf ein kunstvoll gestaltetes Portal. Drei spitz vorgebaute Stockwerke stützen sich auf elf riesige, schräg angeordnete, bunte Mikadostäbe. Wir sind an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" (HFF), wo angehenden Regisseure und andere Filmschaffende studieren. Die HFF ist bekannt für eine sehr solide handwerkliche Ausbildung. Und sie ist die einzige Filmhochschule mitten in einem Filmstudio. Im Gebäude dahinter, "residiert" die Rundfunkanstalt Berlin-Brandenburg, kurz RBB.

Daran schließen sich sich die Backlots an, die Außensets. Sie sind einzigartig und durch sie ist das Studio Babelsberg in der ganzen Welt bekannt. Dort steht zum Beispiel eine Kulisse der Berliner Mauer, die Regisseur Bernd Eichinger für eine Szene im Film "Baader Meinhof Komplex" (2008) bauen ließ. In der Nähe sieht sich der Besucher vor einem nachgebauten alten DDR-Kiosk, gegenüber einer hohen grauen Wand mit eingelassener Stahltür.

Wer sie öffnet, findet sich im alten Berlin wieder, auf der "Berliner Straße". Real ist hier nur das Kopfsteinpflaster, alles andere – die Läden, das Kino – ist aus Pappmachee oder Gips. Man bemerkt es aber nicht. Wir gehen an alten, mehrstöckigen Häusern vorbei, alles nur Fassade, wer dahinter schaut, sieht die Gerüste. Hinter einigen Fenstern sind Absätze montiert, gerade so groß, dass Schauspieler darauf stehen können. Aber es reicht, um im Film die Illusion zu wecken, dass hier Menschen wohnen. Die "Berliner Straße" entstand 1999 für den Film "Sonnenallee", in dem Leander Haussmann das Leben Ost-Berliner Jugendlicher thematisierte. Die Kulisse ist ein Meisterwerk der Filmarchitektin Gisela Schultze. Die Straße kann ohne allzugroßen Aufwand umgebaut werden. Das wissen auch viele internationale Regisseure zu schätzen, die die Straße seither für ihre Produktionen nutzen. Roman Polanski arbeitete mit ihr in seinem Film "Der Pianist", Quentin Tarantino in "Inglorious Bastards". Im Film "In 80 Tagen um die Welt" hüpft Jackie Chan durch die Szenerie.

Der letzte Blockbuster wurde erst im vergangenen Jahr in den Studios von Babelsberg gedreht: Roland Emmerichs Shakespeare-Film "Anonymus". Emmerich ließ auf dem Gelände ein komplettes mittelalterliches Dorf errichten, inklusive Shakespeares Globe-Theater. 28 Millionen Dollar soll der Film gekostet haben. Professionalität, moderate Kosten und die Zuschüsse aus der Filmförderung locken seit 2000 immer mehr Hollywood-Produzenten an. Bekannte Filme wie "Die Bourne Verschwörung", "Speed Racer", "Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat" – sie alle entstanden auch in Babelsberg.

KUNST UND PROPAGANDA

Kein anderes Filmstudio blickt auf eine so bewegte Vergangenheit zurück. Babelsberg durchlebte das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazizeit und die DDR. Es entstehen künstlerisch bedeutsame Produktionen wie im Jahr 1913 "Der Student von Prag", in dem Paul Wegener einen Studenten spielt, der dem Satan sein Spiegelbild verkauft. "Die Nibelungen" (1924) sind ein monumentales Heldenepos. Regisseur Fritz Lang lässt dafür einen ganzen Wald aus Stuck und Schilfrohr bauen. Über 100 Handwerker zimmern über Monate den Nibelungenwald zusammen. Für Langs Großfilmproduktion "Metropolis" entsteht 1926 ein Großatelier. Die Kosten explodieren und das Studio geht beinahe bankrott.

Während des Ersten Weltkriegs kommt die Filmproduktion fast zum Erliegen. Kameraleute und Produzenten müssen an die Front. Mit Vermietungen gelingt es der Filmfabrik, sich über Wasser zu halten. Dann kommen die "Goldenen Zwanziger Jahre", in Neubabelsberg entsteht das erste Tonfilmatelier Europas – ein neues Kapitel in der Filmgeschichte. 1929 wird der erste deutsche Tonfilm gedreht: "Melodie des Herzens" mit Willy Fritsch.

Unter den Nazis wird Babelsberg zur völkischen Propagandamaschine. Schon 1933 müssen viele jüdische Mitarbeiter gehen. Babelsberg unterhielt ein eigenes Zwangsarbeiterlager mit 600 internierten Menschen. Es entstehen antisemitische Hassfilme wie "Jud Süß"(1940). Und Unterhaltungsstreifen, die das Volk bei Laune halten sollen: etwa die fantastische Reise des Barons "Münchhausen" (1943), die Hans Albers berühmt macht. Oder "Die Feuerzangenbowle" (1944) mit Heinz Rühmann. Nach Kriegsende 1945 besetzen Einheiten der Roten Armee die Ateliers, fünf Jahre später übergeben die Sowjets das Studio an die DDR. Aus der Ufa wird die DEFA. Sie ist der genaue Gegenentwurf: eine antikapitalistische und antifaschistische Propagandamaschine.

Einer der erfolgreichsten Regisseure dieser Zeit war Wolfgang Staudte, der mit "Die Mörder sind unter uns" (1945/46) den ersten deutschen Spielfilm der Nachkriegsgeschichte dreht. In "Nackt unter Wölfen" (1963) erzählt Regisseur Frank Beyer vom Widerstand und der Solidarität der Häftlinge im KZ Buchenwald. Die Filme werden im Westen kaum beachtet, einige Stars sind jedoch auch auf der anderen Seite der Mauer bekannt: Armin Müller-Stahl und Katharina Thalbach zum Beispiel. Nach der Wende ist das Filmstudio pleite. Der französische Großkonzern Compagnie Générale des Eaux (später Vivendi) übernimmt es 1992 für einen Euro von der Treuhand. Die Franzosen bitten den Regisseur Volker Schlöndorff ("Die Blechtrommel"), die verstaubte Medienmaschine wieder in Gang zu bringen. Schlöndorff übernimmt von 1992 bis 1997 die Geschäftsführung. Die Franzosen investieren eine Menge Geld, müssen aber 2004 aufgeben und verkaufen die Studios an die Filmbetriebe Berlin Brandenburg. 2005 wird Studio Babelsberg in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Seitdem scheint es kontinuierlich bergauf zu gehen.

"Heilige Erde" hat Schlöndorff Babelsberg einmal genannt. Das scheint zu stimmen. Das Studio punktet heute mit internationalen erfahrenen Technikern, Kulissenbauern und Produktdesignern. Wie groß die Anerkennung ist, zeigt der euphorische Eintrag von Hollywoodstar Tom Hanks ins Gästebuch bei den Dreharbeiten für den 100-Millionen-Euro-Film "Cloud Atlas", die vergangene Woche endeten. "Babelsberg! Hierher zu kommen, um in Deinen historischen Studios zu drehen, war die Fantasie eines Filmstudenten, die für den erfahrenen Filmemacher zur Wirklichkeit wurde. Von Fritz Lang zum Wolkenatlas!"

Autor: Ruth Schalk