Unwetter in Mallorca

Überschwemmungen von außergewöhnlichem Ausmaß

Martin Dahms und dpa

Von Martin Dahms & dpa

Do, 11. Oktober 2018 um 20:00 Uhr

Panorama

Bei dem Unwetter auf der spanischen Insel Mallorca sind drei Deutsche ums Leben gekommen. Bei zwei am Donnerstag entdeckten Leichen handle es sich offenbar um ein vermisstes deutsches Ehepaar.

MADRID/PALMA. Bei dem dritten Deutschen handelt es sich laut der Nachtichtenagentur AFP um einen Journalisten. Die Zahl der Toten stieg damit auf zwölf. Auch in anderen südeuropäischen Regionen gab es verheerende Unwetter mit Starkregen und Toten.

"Wir wollen keine Fotos", sagt ein übermüdeter Ladenbesitzer in Sant Llorenç des Cardassar zur Reporterin der Zeitung El País. "Wir wollen, dass ihr einen Besen nehmt und fegt." Anderthalb Tage nach den katastrophalen Wolkenbrüchen kämpfen die einen gegen Spuren der Verwüstung, die die Schlammflut aus den nahen Bergen in der Nacht zum Mittwoch angerichtet hat. Andere sind auf der Suche nach Bildern: Fotografen, Kameraleute, aber auch neugierige Zuschauer, die dem Reiz des Desasters nicht widerstehen können. Manche haben mit Kameras bestückte Drohnen aufsteigen lassen, um einen Panoramablick von der zerstörten Landschaft einzufangen. Die Guardia Civil droht, sie abzuschießen.

800 Rettungskräfte sind in Sant Llorenç, in Artà, in S’Illot im Einsatz, auch 80 Soldaten. Ihre dringlichste Aufgabe: die Suche nach drei Vermissten, einem fünfjährigen Kind aus der Gegend und einem deutschen Urlauberpaar, 61 und 63 Jahre alt. Dessen Auto wurde auf der Landstraße zwischen Artà und Canyamel gefunden, leer. Am frühen Donnerstagnachmittag berichtete die Guardia Civil, dass der Leichnam einer Frau gefunden worden sei, bei der es sich um die vermisste Deutsche handeln könnte. Das letzte Lebenszeichen des Paares stammte vom Dienstagabend, als es aus dem Auto heraus eine Freundin anrief, sie hätten Schwierigkeiten mit dem Wagen. Auch ein bereits kurz nach dem Unwetter geborgener Toter, der zunächst nicht identifiziert werden konnte, sei ein Deutscher, sagte die Sprecherin des Notdienstes.

Ein trockenes Bachbett hatte sich in wenigen Minuten zu einem reißenden Wildwasser verwandelt, voller Schlamm, Gestein und Gestrüpp. Bewohner von Sant Llorenç reden über die Plötzlichkeit der Katastrophe: "In zwei Minuten: pam! Wir hatten keine Zeit für gar nichts", sagt eine Frau der El País. Bis auf anderthalb Meter Höhe drang die Schlammflut in die Häuser am Rande ihres Weges talabwärts ein. Die meisten Menschen konnten noch rechtzeitig in die höheren Etagen fliehen. Die Flut riss ihr Möbel davon und hinterließ nur Dreck. Der muss jetzt weg. Die Menschen fegen, schaufeln und stöhnen über ihr Unglück. Es sind rund 200, denen das Unwetter ihre Habe genommen hat. In den Straßen ist schweres Gerät unterwegs, um Autos, Kühlschränke, Hausrat beiseitezuschaffen. Das Aufräumen wird noch lange dauern.

Hätten die Menschen gewarnt werden können? Der staatliche meteorologische Dienst Aemat sagt: Nein. "Sintflutartiger Regen ist nichts Ungewöhnliches am Mittelmeer", erklärt Sprecher Rubén del Campo. Aber das Ausmaß der Niederschläge am sei "außergewöhnlich" gewesen. Der Wetterdienst hatte starke Regenfälle angekündigt. Aber während einige Gegenden Mallorcas völlig trocken blieben, konzentrierten sich die Wassermassen über dem Osten der Insel (Grafik). Das sei so präzise nicht vorherzusagen.

Der menschengemachte Anteil an diesen Katastrophen ist die Unverantwortlichkeit, mit der lange Zeit Häuser in Gegenden gebaut wurden, die potenzielles Überschwemmungsgebiet sind. Viele Bachbetten können jahrelang trocken liegen und sich, so wie jetzt im Osten Mallorcas, in kürzester Zeit in reißende Ströme verwandeln. Auch hier war die Gefahr bekannt, aber die Infrastrukturen waren auf das außergewöhnliche, aber erwartbare Ereignis nicht vorbereitet.

Auch Sardinien kämpfte mit heftigem Regen. Besonders schlimm war die Situation rund um die Hauptstadt Cagliari. Dutzende Menschen wurden in Sicherheit gebracht, Straßen gesperrt. Offenbar gerade rechtzeitig. Andernorts spielten sich aber dramatische Szenen ab: Eine Familie wollte im Auto fliehen, weil der Fluss in der Nähe ihres Hauses bedrohlich angeschwollen war. Der Vater und die drei Töchter konnten sich in Sicherheit bringen, die Mutter wurde vom Wasser mitgerissen und tot gefunden. Betroffen war auch Südfrankreich, wo nach heftigem Regen mehrere Autos ins Mittelmeer gespült wurden. Ein Mensch wurde tot in seinem Wagen gefunden.