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28. August 2010 00:04 Uhr

Artenschutz

Vergiftete Beute: So sind Rhino-Hörner kein Lustbringer mehr

Volksglaube und Potenzträume sind schuld daran, dass Nashörner gejagt werden. Dagegen kämpft Ed Hern – er macht Rhino-Hörner ungenießbar.

Ed Hern hasst diese Tage. Bald ist Vollmond, keine Wolke ist am Himmel zu sehen. "Schon heute Nacht könnten sie wieder kommen", sagt der 70-Jährige. Hat er nicht am Morgen über seinem 30 Kilometer außerhalb von Johannesburg gelegenen Tierpark das Geräusch eines tief fliegenden Helikopters gehört? "Alle sind in Alarmbereitschaft", sagt Hern. "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Nashornmörder wieder kommen."

Das letzte Mal waren sie vor drei Monaten da. Sie landeten mit einem Helikopter außerhalb des Parks, schnitten den Zaun auf und eilten mit ihren Äxten, Nachtsichtgeräten, Schnellfeuer- und Betäubungsgewehren schnurstracks zu ihren Opfern, deren Aufenthaltsort sie offenbar am Vortag schon ausgekundschaftet hatten.

Mit einer Überdosis des Betäubungsmittels M 99 streckten sie die 25 Jahre alte Nashornkuh Big Queenstown nieder und hackten ihr mit ihren Äxten das fast ein Meter lange Horn ab. Big Queenstown hatte ein Baby im Leib, das mit seiner Mutter verendete. Auch das zweijährige Kalb, das neben der Nashornkuh weidete, wurde von den Wilderern getötet. Merkwürdigerweise hieben sie diesem nicht einmal das Horn ab. "Sie wurden wohl gestört", sagt Hern.

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Seit dieser Nacht ist der ehemalige Börsenmakler ein anderer geworden. "Wenn ich einen von denen erwische, dann lege ich ihn um." Böte sich die Chance, würde er auch ihren Helikopter abschießen: "Die sind dabei, die letzten Nashörner unseres Planeten auszurotten."

Allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden in Südafrika 182 Nashörner getötet, im vergangenen Jahr waren es 122, im Jahr 2007 lediglich 13. In einem Naturreservat bei Krügersdorp haben Wilderer alle sechs Nashörner erledigt. Tierschützern zufolge hat sich das Augenmerk der Wilderer auf den Südzipfel des Kontinents gerichtet, weil es im Osten Afrikas fast keine der archaisch anmutenden Dickhäuter mehr gibt. Weltweit leben noch 25 000 Rhinozerosse.

Der Grund für den schleichenden Rhinozid ist Tausende von Jahren alt und fast ausschließlich in China zu finden. Dort wird entgegen jeder wissenschaftlichen Erkenntnis noch immer davon ausgegangen, dass das zu Pulver zerriebene Horn der Unpaarhufer männliche Lustprobleme löse. "Ich lecke jeden Morgen an einem Rhino-Horn und kann Ihnen versichern, dass das völliger Humbug ist", scherzt Hern sarkastisch. In den Zeiten von Viagra sei der Volksglaube vollends widersinnig. Ein Horn bringe im Reich der Mitte eine Million Dollar ein, berichtet Hern. "Kein Wunder, dass die Wilderei so populär geworden ist."

Allein in Südafrika haben die Wilderer in diesem Jahr also einen Umsatz von 182 Millionen Dollar erzielt. Meist wird das schmutzige Geschäft von schwarzen Südafrikanern ausgeführt, die 2000 bis 3000 Euro pro Einsatz bekommen. Hinter ihnen stehen weiße Gangster, die sich hochgerüstet haben: Sie verfügen über kleine Mehrzweck-Helikopter der Marke Robinson R44 und modernste Nachtsichtgeräte, mit denen man aus vier Kilometern Entfernung die Umrisse eines Rhinozerosses erkennen kann.

Als Mittelsmänner dienen in der Regel Vietnamesen, die die Beute über ihre Heimat nach China schmuggeln: In Pretoria wurde vor nicht allzu langer Zeit eine vietnamesische Diplomatin mit RhinoHörnen festgenommen – sie wurde für ihr Vergehen nicht einmal eingesperrt, sondern lediglich ausgewiesen. In China selbst werde der Handel mit dem international gebannten Hornpulver nicht verfolgt, klagt Hern. "Da bleibt uns doch überhaupt nichts anderes übrig, als zu ungewöhnlichen, für manche auch fragwürdigen Mitteln zu greifen."

In einer seiner schlaflosen Nächte erinnerte sich Ed Hern an den Kampf britischer Apartheid-Gegner gegen das südafrikanische Rassistenregime: Die Aktivisten hatten das Gerücht verbreitet, südafrikanische Orangen mit Gift infiziert zu haben. Sofort brach der Markt für südafrikanische Orangen ein. Erst nach dem Ende der Apartheid erholte er sich wieder. Warum sollte dieselbe Strategie nicht 30 Jahre später im Reich der Mitte funktionieren? Mit einem bloßen Bluff wäre es in dem medial unterversorgten Riesenreich gewiss nicht getan. "Da müssen wir schon stärkere Geschütze auffahren", sagt Hern. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie gleich Zyankali in die Hörner der Dickhäuter gespritzt. Vor solchen drakonischen Maßnahmen schreckte sein Tierarzt allerdings zurück. Er erklärte sich nur zur Verwendung eines schwächeren Mittels bereit, das bei den Konsumenten höchstens heftige Bauchschmerzen auslösen wird. Auch ist bei dem Experiment das Wohlbefinden des Dickhäuters mit zu berücksichtigen. Die Tests mit dem geheim gehaltenen Mittel seien zufriedenstellend verlaufen, berichtet Hern. Das mit der Substanz behandelte Nashorn sei wohlauf und guter Dinge.

In wenigen Wochen will der Weißhaarige eine internationale Kampagne im Zusammenhang mit seiner Hornvergiftungsaktion starten: Mit einem auf dem Satellitenkanal Animal Planet ausgestrahlten Dokumentarfilm sowie begleitenden Interviews soll "ein kleiner Sturm" ausgelöst werden. Schon im Vorfeld haben sich selbst in den Reihen der Naturschützer die Gegner des unorthodoxen Vorstoßes formiert: "Das ist doch keine Lösung!", schimpft Faan Coetzee vom südafrikanischen Endangered Wildlife Trust. "Wenn jemand stirbt, kann der Mann des Mordes angeklagt werden."

Mancher sagt Ed Hern bereits ein Ende in den Händen der chinesischen Mafia oder gar auf der Anklagebank des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag voraus. Aussichten, die den besonnen wirkenden Reservatsbesitzer nicht aus der Ruhe bringen. "Ich bin jetzt 70 Jahre alt", sagt er gelassen. "Wenn ich noch etwas für das Überleben einer akut vom Aussterben bedrohten Tierart tun kann, mache ich das gern."

Autor: Johannes Dieterich