Verräterische Stimme

dpa

Von dpa

Mi, 12. September 2018

Panorama

Der mutmaßliche Entführer des Milliardärssohns Würth steht vor Gericht / Außergewöhnlicher Fall.

GIESSEN (dpa). Vor dem Landgericht im hessischen Gießen hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Entführer von Milliardärssohn Markus Würth begonnen. Am ersten Verhandlungstag am Dienstag wurde nur die Anklage verlesen. Demnach soll der 48-Jährige wohl mit noch unbekannten Mittätern den behinderten erwachsenen Sohn des Unternehmers Reinhold Würth im Juni 2015 im osthessischen Schlitz entführt und drei Millionen Euro Lösegeld gefordert haben.

Der Angeklagte im Prozess um die Entführung des behinderten Würth-Sohnes spricht leise und mit deutlichem serbischen Akzent. Er macht einige Angaben zu seiner Person, aber viel sagt er nicht zu Beginn der Verhandlung am Dienstag. Im Verlauf des Prozesses wird seine Stimme noch eine wichtige Rolle spielen: Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage vor allem auf die Analyse eines Telefonmitschnitts eines Mannes, der im Juni 2015 drei Millionen Euro Lösegeld für den Entführten forderte. Das war der Angeklagte – davon sind die Ermittler überzeugt.

"Der Fall ist absolut außergewöhnlich", sagt der Sprecher der Gießener Staatsanwalt, Thomas Hauburger. Zum einen, weil der Verdacht gegen den Mann "primär" auf der Stimmanalyse fuße – das sei für die Justiz ein Novum. Zum anderen wegen des glücklichen Ausgangs der Entführung: Der damals 50 Jahre alte Markus Würth wurde zwar unterkühlt und durchnässt an einen Baum gekettet in einem Wald bei Würzburg gefunden, er war ansonsten aber unversehrt. "Wir kennen andere Entführungen, die oft verbunden sind mit massiver Gewalt bis hin zu Tötungsdelikten. Das ist hier glücklicherweise nicht geschehen."

Die Anklage wirft dem 48-Jährigen erpresserischen Menschenraub vor. Er habe die Würth-Entführung aus einer integrativen Wohngemeinschaft im osthessischen Schlitz zusammen mit Komplizen lange geplant und durchgeführt. Der oder die Mittäter sollen den aufgrund seiner Behinderung "vertrauensseligen" Mann mitgenommen haben. Als Motiv für die Tat vermuten die Ermittler Geldprobleme.

"Wir können momentan nicht sicher sagen, ob es Mittäter gibt", erläutert Staatsanwalt Hauburger die Schwierigkeit des Falls. Man müsse aber davon ausgehen, da nicht habe festgestellt werden können, dass sich der Beschuldigte vor Ort des Opfers "bemächtigt" habe. Sicher sind sich die Ermittler dagegen, dass er die Kommunikation mit der Familie Würth abwickelte.

Am Telefon soll er sich als "Dr. Hassan" gemeldet und vorgegeben haben, der Sohn liege im Krankenhaus. Dann habe er von der Entführung berichtet und drei Millionen Euro gefordert. Die Übergabe scheiterte kurz darauf allerdings, offenbar wegen Verzögerungen und unklarer "Übergabemodalitäten". Nach der Panne habe der Angeklagte verraten, wo der Entführte, versorgt mit einer Wasserflasche, ausharren musste.

Nach seiner Festnahme im März bestritt der aus Serbien stammende Angeklagte, der vor seiner Festnahme in Offenbach lebte, die Tat. Ob er vor Gericht aussagen wird, ist der Verteidigung zufolge noch nicht entschieden.