Forschungsbericht

Vor 3300 Jahren war Eisen wertvoller als Gold

dpa

Von dpa

Mo, 26. November 2018 um 16:03 Uhr

Panorama

Mainzer Forscher haben in Kairo erstmals 19 Funde aus Eisen aus dem Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun untersucht.

Eisenfunde im Grab des ägyptischen Pharao Tutanchamun haben bisher weit weniger Beachtung gefunden als die Schätze aus Gold. Jetzt haben deutsche Forscher 19 Objekte untersucht und Ergebnisse vorgelegt.

Seit der Entdeckung des Grabs von Tutanchamun im ägyptischen Tal der Könige fasziniert die goldene Totenmaske des früh verstorbenen Herrschers die Menschen. Und auch sonst gab es viel Gold in dem vor fast 100 Jahren geöffneten Grab. Die 19 Funde aus Eisen wurden bisher weniger beachtet. Doch genau dazu hat das Mainzer Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) nun einen reich bebilderten Forschungsbericht vorgelegt.

"Diese gesamte Gruppe der Eisenobjekte ist nie wissenschaftlich untersucht worden", sagt der Restaurator Christian Eckmann als einer von fünf Autoren des Berichts. "Dabei stellen sich damit im historischen Kontext ganz wichtige Fragen." Denn Eisen war für die Menschen vor 3300 Jahren weit seltener und damit wertvoller als Gold und Edelsteine. Die Verhüttung von Eisen kann in Ägypten erst ab dem 6. Jahrhundert vor Christus nachgewiesen werden. So gab es in der Zeit von Tutanchamun, im 14. Jahrhundert vor Christus, nur Meteoriteisen, "Eisen des Himmels", wie es die Ägypter nannten. Darauf bezieht sich denn auch der Titel des RGZM-Bands: "Himmlisch! Die Eisenobjekte aus dem Grab des Tutanchamun."

Nickel ist wichtiger Nachweis für Meteoreisen

Eckmann untersuchte mit dem Forscherteam unter anderem die chemische Zusammensetzung der Eisenobjekte. Mit Hilfe einer Röntgenfluoreszenzanalyse lässt sich zeigen, welche Elemente in Metallen enthalten sind. Die spannende Frage bei der Untersuchung lautete: "Ist da Nickel drin?" Denn dieses Schwermetall ist ein wichtiger Nachweis für Meteoreisen. "Alles, was aus dieser Zeit über fünf Prozent Nickel hat, kann nicht terrestrischen Ursprungs sein", erläutert Eckmann.

Bei 16 kleinen Meißelwerkzeugen ermittelte er einen Nickelgehalt zwischen sechs und 13 Prozent. Ein kleines Amulett in Form eines Auges hat einen Nickelanteil von acht und eine unter dem Nacken der Mumie platzierte Kopfstütze von 8,8 Prozent. Das Prunkstück der Eisenobjekte, die Klinge eines Dolchs mit einem reich verzierten Goldgriff und einem Knauf aus Bergkristall, hat sogar einen Nickelgehalt von 12,8 Prozent.



"Es wäre eine Sensation gewesen, wenn die Analyse verhüttetes Eisen nachgewiesen hätte", sagt Eckmann. "Dann hätte man die Archäologie neu schreiben müssen." Aber auch der Befund Meteoreisen sei keineswegs enttäuschend. Die Forscher konnten mit hoher Wahrscheinlichkeit nachweisen, dass der kunstvoll bearbeitete Griff ursprünglich eine andere Klinge fasste, vermutlich aus Gold oder Bronze. "Der Abschluss des Griffs zur Klinge wirkt etwas ungelenk, was ein eindeutiges Indiz ist, dass die Klinge ursprünglich nicht zu dem Dolch gehörte", so Eckmann. Mit der Eisenklinge himmlischen Ursprungs erhielt der Dolch eine ganz besondere Bedeutung.

Es bleiben offene Fragen

Nicht restlos klären konnte die Untersuchung, warum dem König die Meißel auf die Reise ins Jenseits mitgegeben wurden. "Weil sie so klein und unauffällig sind, haben diese 16 Eisenspitzen mit ihren wie neu wirkenden Holzgriffen bislang wenig Aufmerksamkeit erfahren", sagt Eckmann. "Sie liegen gut in der Hand, sie wirken wie funktionierende Werkzeuge zum Ziselieren, zum Bearbeiten von Werkstoffen."

Der Entdecker des Grabs stufte sie als Modellwerkzeuge ein. Eine andere Vermutung ist, dass sie für das esoterische Ritual der Mundöffnung bei Verstorbenen gedient haben könnten. "Wir können diese Frage noch nicht abschließend beantworten", so Eckmann.

Die Untersuchung der Eisenobjekte ergab sich als Teil des größeren Projekts zur umfassenden Erforschung und Rekonstruktion der Goldbleche aus dem Grab von Tutanchamun, die in Verbindung zur Streitwagen- und Waffenausstattung des Königs stehen. "Daher war es naheliegend, neben anderen Waffen auch den Dolch mit der Eisenklinge zu untersuchen", berichtet Eckmann.