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30. September 2009 00:11 Uhr

Bereits 163 Fälle

Wenn in Berlin die Autos brennen

Fast jede Nacht brennen Autos in Berlin. Die Tätersuche ist schwierig – ebenso wie die nach den Motiven. Handelt es sich um einen Ausdruck des Zeitgeistes oder um politisch motivierte linke Gewalt?

  1. Im Amtsgericht Tiergarten in Berlin hat der Prozess gegen eine mutmaßliche Autobrandstifterin begonnen. Foto: dpa

Alexandra R. ist eine blasse, schmale junge Frau, und an diesem Morgen im Saal 700 des Kriminalgerichts Moabit wirkt sie wie ein Mädchen. Hier sitzen sonst Menschenhändler, Mörder oder Wirtschaftskriminelle. In hellgrauer Trainingsjacke und Jeans kauert sie, die Ellbogen aufgestützt, in der Anklagebank, und als sich der Zuschauerraum füllt mit Freunden und Bekannten, da hat sie Mühe, ihre Gefühle zu kontrollieren.

Seit vier Monaten sitzt die 21 Jahre alte Berlinerin in Untersuchungshaft. Das ist ungewöhnlich für jemanden, der einen festen Wohnsitz und einen Ausbildungsplatz hat, der nicht einschlägig vorbestraft ist und dem versuchte Brandstiftung vorgeworfen wird. Die Staatsanwaltschaft aber konnte sich mit ihrem Antrag durchsetzen – sie sieht Wiederholungsgefahr. Das ist einer der Gründe dafür, dass man an diesem Morgen das Gefühl bekommen kann, es gehe nicht nur um ein einzelnes Delikt, sondern um viel mehr.

Limousinen und alte Kleinwagen

Alexandra R. soll, so die Anklage, versucht haben, ein Auto anzuzünden – in der Nacht, im Szenebezirk Friedrichshain-Kreuzberg, mit Grillanzündern im Radkasten eines Autos. Eine "Hassbrennerin" hat eine Boulevardzeitung sie genannt. Von der Vorverurteilung abgesehen wird dieses Wort überhaupt nur dann erklärbar, wenn man nach einem größeren Zusammenhang sucht. 163 Autos haben in diesem Jahr schon in der Hauptstadt gebrannt – irgendwann nachts, scheinbar willkürlich ausgesucht, teure Limousinen und alte Kleinwagen. Viele davon brannten in Friedrichshain-Kreuzberg oder im Yuppie-Stadtteil Prenzlauer Berg, aber auch schon am Stadtrand gingen Autos in Flammen auf. Noch kein einziger Täter ist verurteilt. Ein halbes Dutzend Verdächtiger sitzt in Untersuchungshaft. Alexandra R. ist die erste Verdächtige, die vor Gericht steht.

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Die Polizei steht unter massivem Erfolgsdruck. Und das liegt nicht nur daran, dass Berlins 1,4 Millionen Fahrzeughalter die Vorstellung nicht angenehm finden, am Morgen vor einem verkohlten Wrack zu stehen. Es liegt auch daran, dass die Staatsmacht vergleichsweise hilflos ist: Polizeipräsident Dieter Glietsch verweist darauf, dass ein Auto binnen 15 Sekunden brennt und die Täter nicht viel brauchen, um es anzuzünden. Es gibt kaum Möglichkeiten, dies zu verhindern.

Protest und Gewalt

Die Brandserie ist zum Politikum geworden, weil sie der linksextremistischen Szene zugeordnet wird. In Berlin sieht sich dieses Lager im Aufwind. Die Krawalle am 1. Mai waren die schlimmsten seit Jahren. Im Jahr der Krise konkretisiert sich ein neues Feindbild: Linke machen mobil gegen die Bebauung des von Szeneclubs bevölkerten Spreeufers durch große Investoren. Sie protestieren gegen Luxus-Wohnbauprojekte in In-Vierteln, weil sie befürchten, dass die weniger solventen Bewohner verdrängt werden. Gewalt ist bei diesem Protest für manche nicht tabu: Es brennen Bauschilder, es wird Feuer in einer Tiefgarage gelegt, Beton in einen Rohbau gekippt.

Indizienprozess

Die Opposition im rot-roten Berlin wirft der Regierung vor, zu lax gegen links vorzugehen. Nur: Wie viele der Brandstiftungen politisch motiviert sind, lässt sich nur mutmaßen. In 15 Prozent der Fälle hinterlassen die Täter Bekennerschreiben, aber Abfackeln kann auch eine Mutprobe für Jugendliche sein. Die Gewerkschaft der Polizei vermutet auch Versicherungsbetrüger unter den Tätern.

Alexandra R. wurde nicht auf frischer Tat gefasst. Sie kam zwei Polizisten verdächtig vor, als sie nachts durch die Straßen ging. Unmittelbar darauf entdeckten sie an einem Wagen brennende Grillanzünder. Sie nahmen die Verfolgung der Frau auf und fassten sie. Aus Sicht der Verteidigung ist die Beweislage dünn. An der Kleidung oder in der Wohnung der Angeklagten fanden sich keine Spuren. Nach Angaben aus der Justiz gab es aber Fotos brennender Autos und Grillanzünder. Alexandra R. schweigt zu dem Tatvorwurf. Der Prozess wird fortgesetzt.

Autor: Katja Bauer