Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
12. November 2009
Wie ein Picasso im Panzerschrank
Vor 20 Jahren wurde Japans Kaiser Akihito zum 125. Tenno ausgerufen – und schweigt seither zu allem Wesentlichen
TOKIO. Im November 1989 bestieg der japanische Kaiser Akihito rituell den Chrysanthementhron. Elf Monate später wurde er auch offiziell zum Tenno – wie der Kaiser in Japan genannt wird – ausgerufen. Viel erwarten kann sein Volk aber nicht von dem Monarchen. Denn seit 20 Jahren macht Akihito vor allem eines: Schweigen.
Im modernen Gesellschaftsspiel Japans wissen die wenigsten etwas mit der Institution des Kaisers anzufangen. Vor allem ist Akihito kein Prominenter, wie sie Monarchien in Europa hervorbringen. Er ist auch keine gottähnliche Autorität wie der König in Thailand und gehört auch nicht zum Geldadel wie am persischen Golf. Im Vergleich käme der japanische Kaiser eher dem Papst nahe – man verehrt ihn ebenso als Institution. Allerdings predigt Akihito keine Glaubens- und Lebensgrundsätze, er ist in diesem Sinne kein Führer, der einem Volk die Richtung vorgibt. In streng ausgelegter Tradition des Shintoismus dient Akihito eher als Meditationsvorlage nach Bedarf, sicher unfreiwillig als ideelles Medium für die oft revanchistischen Gelüste japanischer Nationalisten, als Figur des öffentlichen Interesses von Schaulustigen oder als Symbol für Harmonieselige. Des Kaisers erste Bürgerpflicht ist öffentliches Schweigen. Jedenfalls zu allen dringenden Themen der Innen- und Außenpolitik. Wenn er überhaupt redet, dann meist allgemein über den Weltfrieden. Dabei wählt er oft so altmodische Worte, dass viele Japaner Mühe haben, deren Sinn zu erschließen.Werbung
Akihito kommentiert nicht einmal die Taten der eigenen Regierung, die er nach ihrer Ernennung feierlich vereidigt, er verliest eine Eröffnungsrede im Reichstag, verfolgt aber nie die Debatte. Er vergibt Kaiserpokale im Fußball oder der Nationalsportart Sumo, seine Loge bleibt aber regelmäßig leer. Zwar bereiste das Kaiserpaar – der 75-Jährige ist mit der aus dem reichen Bürgertum stammenden Michiko verheiratet – in seiner bisherigen Regentschaft gut ein Dutzend Mal in amtlicher Pflicht fremde Länder. Die Reisen dienten aber hauptsächlich der Repräsentation und dem Vergnügen des Kaiserpaares. Höhepunkt war 1992 die erste Visite eines Tennos in China. Wer dort allerdings von Akihito einen tiefen Kniefall vor den Opfern der japanischen Angriffe im Zweiten Weltkrieg oder wenigstens klare Worte der Entschuldigung erwartet hatte, wurde enttäuscht. Der Kaiser sprach nur vage von "tiefem Bedauern". Im fünf Jahrzehnte japanisch besetzten Korea war der Monarch noch nie.
Was hinter den dicken Mauern des Tokioter Palastes geschieht, entscheiden übrigens hauptsächlich die 1100 Bediensteten. Sie sorgen für das Wohl des 125. direkten Nachfahren der legendären Sonnengöttin Aamaterasu, die angeblich am 11. Februar des Jahres 660 vor Christus durch ihren Sohn Jimmu das "Reich der aufgehenden Sonne" schuf. Seit der Tenno an der Prostata operiert wurde, hat ein Ärztestab des Palasthospitals praktisch das Kommando über die körperlichen Aktivitäten des Tenno übernommen. Pensionierte Insider behaupten, der Kaiser sei seinen Dienern weitgehend ausgeliefert. Er darf nicht einmal einkaufen gehen, denn über seine Garderobe entscheidet der Haushofmeister. Die Rundumbetreuung der kaiserlichen Familie kostet den Steuerzahler jährlich etwa 250 Millionen Euro. Die gesamte Sippe zählt heute 23 Köpfe, alle leben auf Staatskosten. Nur Kaisertochter Nori scherte 2005 nach ihrer Hochzeit mit einem Verwaltungsbeamten aus dem Palast aus und lebt heute auf eigene Rechnung als "gemeine Bürgerliche". Im Nachgang bezeichnete sie ihr feudales Leben im Palast als gepflegte Langeweile.
Vieles was Akihito zu erledigen hat, ist Prozedur oder religiöses Ritual innerhalb des Palastes. Nicht viel mehr als ein Dutzend Mal pro Jahr ist er Thema der Hauptnachrichten im Fernsehen. Was aber kaum einer weiß: Akihito muss formal mehr als 100 Kabinettsbeschlüsse pro Jahr lesen und abzeichnen. Offizielle Abendessen und Teezeremonien summieren sich auf mehr als 200. Dem Volk zeigt er sich eigentlich nur zweimal: zu Neujahr und kurz davor zu seinem Geburtstag am 23. Dezember. Wird der Kaiser im Fernsehen mal angeblich privat gezeigt, erforscht er als studierter Laie Barsche, füttert Raupen oder setzt Reispflanzen. "Dies ist das Zurschaustellen einer edlen Antiquität, deren Wert in ihrer puren Existenz liegt", wie ein Kaiserkritiker anmerkt. "Akihito wird behandelt wie ein Picasso im Banktresor."
Autor: Angela Köhler
