Glosse

Wie eine Firma (angeblich) mit verrotzten Taschentüchern Geld verdienen will

Ronny Gert Bürckholdt

Von Ronny Gert Bürckholdt

Sa, 09. Februar 2019 um 12:50 Uhr

Panorama

Dieser Tage geistert eine kranke Geschäftsidee durch die Gazetten. Oder handelt es sich um eine rotzfreche Baron-Münchhausen-Geschichte?

Jedenfalls bietet die dänisch-amerikanische Firma Vaev Tissue auf ihrer Internetseite benutzte Papiertaschentücher an, in die angeblich grippekranke Menschen geschnäuzt haben – mehrere Tücher in einer Petrischale für knapp 80 Dollar.

Einer, der der Firmenchef sein soll, behauptet in Interviews, dass die Menschen so ihr Immunsystem abhärten könnten, und er redet einer Selbstoptimierung beim Krankwerden das Wort. Man könne sich Wochen vor dem Urlaub freiwillig anstecken, um in den Ferien fit zu sein.

Zu erwerben sind die Virusschleudern gerade nicht – angeblich ausverkauft wegen zu großer Nachfrage. Aber selbst falls alles den Gehirnen von Internetkomikern entsprungen ist: Gibt es nicht tatsächlich Eltern, die dafür sorgen, dass ihre gesunden Kinder sich bei kranken Kindern anstecken? Wird nicht in vielen Familien das Taschentuch brüderlich oder schwesterlich geteilt? Meinen nicht manche: Was uns nicht umbringt, macht uns hart? Impfen müsse man dann ja keinen mehr.

Ernst Tabori nennt den Vertrieb der US-Rotzlumpen, vorausgesetzt, die Aktion sei echt, "so ekelhaft wie blödsinnig". Dass der Mensch gewissermaßen reife, wenn er eine Krankheit durchmache, sei Unsinn. Er muss es wissen, er ist Ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg. Gegen die echte Grippe helfe vor allem die Impfung – und Hygiene. Wüschen sich alle gründlich die Hände, ließe sich jede zweite Erkältungsinfektion verhindern.

Tabori meint, da könne was nicht stimmen bei Vaev Tissue. Bei Grippekranken laufe die Nase üblicherweise gar nicht. Falls der Beschnäuzer überhaupt "richtig" krank war, welches von Hunderten Viren hatte er? Dann wüsste man auch, ob das Virus die Lieferung per Paket überlebt hat. Viele Erreger verlieren schon nach wenigen Stunden ihre Durchschlagskraft.

Und: Händewaschen kostet (fast) nix.