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04. Februar 2012

"Zurück zur Natur"

BZ-INTERVIEW mit der Historikerin Maren Möhring über das entspannte Verhältnis der Deutschen zur Nacktheit.

  1. Blick in Bremens erste Textilsauna Foto: dpa

  2. Foto: Privat

ie Franzosen saunieren in Badekleidung und die Skandinavier nach Geschlechtern getrennt. Nur im deutschsprachigen Raum scheinen Männer und Frauen wenig dabei zu empfinden, sich voreinander zu entblößen. Zur Tradition der Nacktheit in Deutschland befragte Katharina Meyer die Historikerin Maren Möhring.

DBZ: Die Deutschen scheinen ein sehr entspanntes Verhältnis zur Nacktheit zu haben. Wie erklären Sie das?

Möhring: Es gibt in Deutschland eine andere Tradition, mit Nacktheit umzugehen. So ist zum Beispiel die Freikörperkultur-Bewegung eine typisch deutsche Erscheinung, die in anderen Ländern wesentlich weniger ausgeprägt ist. Nur in Deutschland ist FKK bereits im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu einer Massenbewegung geworden.

BZ: Wie kam das zustande?

Möhring: Die Freikörperkultur war ein Teil der Lebensreform-Bewegung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Sie richtete sich gegen die Folgen von Industrialisierung und Urbanisierung. Das war eng verknüpft mit dem Ruf "Zurück zur Natur". In den sich entwickelnden Großstädten mit schlechten Wohnverhältnissen und mangelnder Hygiene entstand eine Gegenbewegung, die versuchte, den Körper den natürlichen Kräften von Licht und Luft auszusetzen.

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BZ: Es ging also weniger um die Nacktheit an sich?

Möhring: Genau. Zu der Lebensreform-Bewegung gehörten auch der sich damals entwickelnde Vegetarismus und die Naturheilkunde. Für Letztere war das Licht- und Luftbad zentral, mit Sonnenbädern oder Wasserbädern – man denke an Kneipp. Zwar war damals davon die Rede, dies "nackt" zu tun, aber die Männer hatten noch kleine Badehosen und die Frauen sogenannte Lichtkleider an. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts fängt die FKK-Bewegung an, in abgegrenzten, nicht einsehbaren Gebieten nackt herumzulaufen.

BZ: Gab es in anderen Ländern ähnliche Bewegungen?

Möhring: Es gab zum Beispiel in England diverse Reformer, die für die Naturheilkunde eintraten, in Skandinavien hat das nackte Saunieren eine längere Tradition. Keinerlei FKK-Bewegung entwickelte sich in Südeuropa, also in katholischen Ländern.

BZ: Dabei hat die FKK-Bewegung immer betont, dass Nacktheit nichts mit fehlender Moral oder Sexualität zu tun hat.

Möhring: Das stimmt. Damit es überhaupt moralisch möglich war, nackt herumzulaufen, argumentierte die Bewegung, dass knappe Bekleidung eher erotisch aufreizend ist als vollkommene Nacktheit. Die katholische Kirche, die der größte Feind der Nacktkultur war, vertrat dagegen die Ansicht, dass Nacktheit zu sexuellen Exzessen veranlassen würde. Das war sozusagen ein Glaubenskampf darum, wofür Nacktheit steht. Und die FKK-Bewegung hat sehr viel Mühe darauf verwendet, darzulegen, dass der Mensch eben nackt geboren würde und die Nacktheit mithin natürlich sei.

BZ: Wie wurde FKK schließlich zur Massenbewegung?

Möhring: Nach dem Ersten Weltkrieg hat die FKK-Bewegung in Deutschland enormen Auftrieb erhalten. Für die 20er Jahre geht man von bis zu 100 000 organisierten Nudisten aus. Denn im Zuge der Kriegsniederlage – und viele argumentieren, auch wegen des Wegfalls der Wehrpflicht – bekam Sport eine ganz neue Bedeutung. Die deutsche Besonderheit ist vielleicht, dass es den FKK-Leuten dank dieses Zeitgeistes gut gelungen ist, ihr Anliegen als eines zu verkaufen, das der ganzen Nation gut tun würde. Die FKK-Bewegung hat sich dementsprechend versportlicht. Es gab Körperkulturschulen, in denen Tausende nackt Gymnastik betrieben haben. Es war eine Bewegung, die durchaus sichtbar war – und zahlenmäßig größer als in anderen Ländern. Es bildeten sich viele sozialistische FKK-Gruppen, die so die körperlichen Schäden durch einseitige Arbeitsbelastung beheben wollten. Es gab in der Bewegung politisch eine große Bandbreite – das schloss auch problematische Entwicklungen mit ein, etwa völkische Tendenzen.

BZ: Damit klingt bereits das Dritte Reich an – in dem die Körperbetontheit vermutlich mehr Anklang fand als die Nacktheit.

Möhring: Genau. Zunächst einmal wurden die FKK-Vereine verboten, später organisierten sie sich neu, beziehungsweise wurden gleichgeschaltet: Sie wurden im Bund für Leibeszucht neu organisiert. Während andere Nationalsozialisten die Nacktheit problematisch fanden, hat die SS sie propagiert – als Ausdruck des vermeintlich wahren, natürlichen Körpers. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Vereine zwar wieder berappelt. Was die Mitgliederzahlen anging, konnten sie aber nie mehr an ihre Boomzeit anschließen.

BZ: In Ost- und Westdeutschland war die Entwicklung dann recht unterschiedlich.

Möhring: In Ostdeutschland gab es keine organisierte FKK-Bewegung, aber sehr viele Menschen, die nackt gebadet haben. Das DDR-Regime hat sich durchgerungen, das Nacktbaden an bestimmten Stränden zu erlauben. In der DDR war gerade der Gedanke, nicht organisiert zu sein, attraktiv. Später ging die Entwicklung auch im Westen weg von organisierter FKK: Spätestens in den 70ern, als man in Jugoslawien in FKK-Hotels fahren konnte, musste man keinem Verein mehr beitreten.

BZ: Mittlerweile hat das weiter abgenommen, laut Dachverband sind heute gerade mal 45 000 Mitglieder organisiert. Die Frage bleibt: Wie viel Anteil an dem freien Verhältnis der Deutschen zur Nacktheit hat die FKK-Bewegung?

Möhring: Es gibt über diese Bewegung in Deutschland eine lange Tradition, Nacktheit für wenig problematisch zu halten. In Deutschland existiert auch ein besonderer Körperbegriff, eine andere Vorstellung dessen, was natürlich ist. Das zeigt sich etwa in der Vorstellung der natürlichen Geburt, die möglichst ohne Betäubung stattfinden soll. Auch die 68er-Bewegung hat ihren Teil dazu beigetragen, einen anderen Umgang mit der Körperlichkeit in breiten Kreisen durchzusetzen. Ich würde denken, dass viele, die heute ins Thermalbad gehen, nichts mit der FKK-Bewegung zu tun haben. Sie haben aber die Vorstellung, dass das gesund ist, was sie tun.

BZ: Heute gibt es einerseits Nackt-Aktivismus, mit Nacktwandern und ähnlichem, andererseits ist oft von einer neuen Prüderie die Rede.

Möhring: Ich glaube, dass es durch die Omnipräsenz von Nacktheit und Pornografie eine gewisse Übersättigung gibt. Das Interesse am nackten Körper hat im Grunde nachgelassen. Es entscheidet jetzt eher jeder selbst, wann und wo er nackt sein will. Das führt nicht mehr zu moralischer Empörung – in der Sauna schon gar nicht. Es stellt sich eher die Frage, was die Leute noch dazu treibt, nackt zu sein. Bei Nackt-Aktivitäten sind die Motivationen wohl sehr unterschiedlich. Einigen mag es dabei um Aufmerksamkeit gehen, darum, sich und ihren wohlgeformten Körper zu präsentieren. Bei anderen hängt es mit Gesundheitsvorstellungen zusammen, etwa der, dass die Poren besser atmen können.

BZ: Könnte eine neue Prüderie nicht auch Antwort auf die vielen perfekten Körper sein, die die Medien beherrschen?

Möhring: Die mediale Wirkung von Nacktheit setzt schon sehr früh ein – das beginnt in den 20er Jahren, als Nacktheit in der Fotografie viel präsenter war als zuvor. Schon damals wirkte die Bilderflut von wohlgeformten Körpern auf die Menschen zurück. Das wurde damals auch als Ziel genannt: Die Bilder sollten einen Anreiz bieten, an sich zu arbeiten. Mittlerweile sehen die Körper in den Medien auch durch Bildbearbeitung anders aus. Dadurch wird es noch frustrierender, da der eigene Körper den Ansprüchen nicht genügen kann. Gibt es eine neue Prüderie? Vielleicht ist es eher der Wunsch, nicht jedes Detail des Körpers zu zeigen. Ein Wunsch nach Intimität und Privatheit, der der öffentlichen Ausstellung des Körpers entgegensteht.

ZUR PERSON: MAREN MÖHRING

Die Privatdozentin Dr. Maren Möhring hat derzeit die Lehrstuhlvertretung im Fach Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Köln inne. Die 41-Jährige hat über die Geschichte der Freikörperkulturbewegung promoviert.  

Autor: bz

Autor: kam